Eintrag 32: Woche 36-39 (Heimat)

Liebe Alle

Wort der Woche: la Suisse - d Schwiiz - “Sind Sie vo de Schwiiz? 🥹”

Diese Woche startete mein Praktikum auf der USC (unité soins continues). Ich habe 37 Wochen gebraucht bis ich wusste was “USC” bedeutet. Diese Station ist die Station zwischen Intensivstation und normaler Station. Für alle die noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit brauchen aber nicht in unmittelbarer Lebensgefahr schweben. Es war unglaublich spannend, weil man ganz viele verschiedene Krankheitsbilder und Verletzungen zu Gesicht bekam und die Patienten wieder bei Bewusstsein waren, also mit einem reden konnten. Ich habe sehr viel gelernt auf dieser Station. Die Ärzte und Assistenzärzte waren alle sehr nett. An meinem zweiten Tag waren während der Übergabe mehr Menschen als Stühle im Raum und da ich als “Externe” und dazu noch "Erasmus” die unterste der Nahrungskette war, bin ich aufgestanden, als die Oberärztin das Büro betrat. Der Chefarzt hat das gesehen und mir kurzerhand seinen Stuhl überlassen, wodurch am Ende er der Einzige war, der stehen musste. Das war mir irgendwie sympathisch. Auch sonst waren alle sehr freundlich, haben sich bei mir vorgestellt und mich nach meinem Namen gefragt. Ich habe mittlerweile echt tiefe Ansprüche. Neben dem Praktikum war ich immer noch in meiner Lernphase und kurz vor meinen Prüfungen - ein bisschen stressig das Ganze. Sehr entspannt war dagegen die Tatsache, dass wir nach der Übergabe am Morgen immer zuerst eine halbe Stunde Kaffeepause machten. Der Kaffee wurde von den Oberärzten spendiert. Ich hoffe ich werde mich als Oberärztin an diese Tradition erinnern. Ein schöner Start in den Morgen. Bei einer dieser Kaffeepausen versuchte ich der Assistenzärztin zu erklären, dass wir in der Schweiz vier Landessprachen haben. Ich wusste aber nicht, was "Rätoromanisch” auf Französisch heisst und begann irgendetwas herumzustammeln. Plötzlich hörte ich, wie eine Stimme hinter mir “romanche”, sagte. Ich drehte mich um. Die Stimme gehörte zu einem etwa 70-jährigen Mann, der neben seiner Frau an einem Tischchen sass, vor sich zwei Tassen Kaffee. “Oh! Sie sind aus der Schweiz?”, sprudelte es aus mir heraus. “Ja”, meinte er. Mein Herz machte einen Sprung. Ich habe noch nie eine Person aus der Schweiz in Frankreich getroffen! (Natürlich all diejenigen ausgeschlossen die auf Besuch waren). Ich freute mich unglaublich darüber. Vielleicht kann ich ein bisschen Schweizerdeutsch sprechen. Ein bisschen zuhause. In meiner Brust wurde es ganz wohlig warm. “Deutschschweiz?”, fragte ich aufgeregt. “Nein.” Mein wohlig warmes Gefühl ist verflogen, bevor ich es wirklich geniessen konnte. Wie wenn man einen Ballon aufbläst und den Knoten verkackt und dann die Luft wieder rausströmt. Pfffffff… Meine Freude zerberstete in tausend kleine Scherben. Doch kein Schweizerdeutsch. Schade. Nach der anfänglichen Enttäuschung habe ich mich aber trotzdem über das kleine Stückchen Schweiz in Form dieses Ehepaares gefreut. So fühlen sich also alle anderen Erasmus-Studentinnen, wenn sie mit ihren Landsleuten zusammen sind. Dieses kleine Stückchen Heimat. Das machte mich etwas sehnsüchtig. Auch wenn ich mittlerweile zur “Ehrendeutschen” geworden war, gehörte ich trotzdem nicht ganz dazu. Und ich realisierte, was mir hier die ganze Zeit fehlte, ohne dass ich es gemerkt hatte. Dieses Gefühl von Zugehörigkeit, von Zuhause. Ich habe mich noch etwas mit dem Ehepaar über die Schweiz unterhalten und mich dann wieder meinem Gespräch mit der Assistenzärztin gewidmet.

In dieser Zeit dachte ich, ich sollte mich vielleicht mal wieder etwas unters Volk mischen. Meine deutschen Freundinnen waren noch nicht wieder zurück, also musste ich meine Fühler etwas weiter ausstrecken. Die erste Gelegenheit bot sich mir am Donnerstagabend: es war wieder einmal Tortilla-Night. Ich war fest entschlossen hinzugehen. Auch allein wenn’s sein musste. Und tatsächlich habe ich mich dann allein auf den Weg gemacht. An diesem Abend waren nur Spanier da. Na ja fast. Ein Rumäne, ein Litauer und ich waren auch noch anwesend. Wir waren etwas in der Unterzahl. Sprache des Abends: Spanisch. Da ich leider der spanischen Sprache nicht wirklich mächtig bin, war das ganze etwas verwirrend für mich. Alle redeten durcheinander, schrien quer durch den Raum, machten Witze, lachten. Ich verstand gar nichts mehr. Ich fing sogar an meine Lacher den anderen anzupassen, nur um dazuzugehören. Ein, zwei nette Menschen haben sich jedoch erbarmt und mit mir Englisch gesprochen, übersetzt und kommentiert. Das hat geholfen. Danach war ich weniger verwirrt. Und meine Lacher waren wieder natürlicher. Etwas zu Essen hat es auch noch gegeben. Linseneintopf. Der “Koch” dieses Abends hat die Linsen auf den Herd gestellt und dann alle eingeladen, mit ihm nach draussen eine rauchen zu gehen, da die Linsen sowieso zehn Minuten köcheln mussten. “Lässt du die jetzt unbeaufsichtigt kochen?”, erkundigte ich mich. “Ja klar, ist auf niedriger Hitze, passiert schon nichts.” “Okay…”, dachte ich, fühlte mich aber null verantwortlich und da er so entspannt war in seinem Vorhaben, folgten wir ihm an die frische Luft. Natürlich blieben wir länger als zehn Minuten draussen, also könnt ihr euch vorstellen, wie der Linseneintopf gelungen ist. Es war mehr ein Linsenbrei in der unteren Hälfte des Topfs, darüber noch rohe Linsen, da das Wasser nicht ausreichte, um alle Linsen zu bedecken. Ein Festmahl. Irgendjemand hat bei diesem Anblick das Ruder übernommen und die Linsen gerettet. Wer nicht zu hohe Erwartungen hatte (hatten wir sowieso nicht), war am Ende doch noch einigermassen gut bedient. Um 23:00 wurden wir von Sicherheitsdienst rausgeschmissen, weil wir zu laut waren (und weil es in der Gemeinschaftsküche aussah, wie in einem Saustall - wer hat eigentlich damit angefangen, den Säuen zu unterstellen, dass sie unordentlich sind?) also verabschiedete ich mich und machte mich auf den Heimweg. Ein gelungener Abend. Das gleiche habe ich dann noch einmal wiederholt, nur diesmal waren es meine italienischen Erasmus-Freunde. Sie haben mir erzählt, dass sie sich jeden Sonntagabend zum Essen treffen. Wie ein Familienessen. Das hörte sich sehr schön an. Ich war fast ein bisschen neidisch. Ich glaube, zu den Menschen, die im selben Land aufgewachsen sind und dieselbe Sprache sprechen hat man einfach noch mal eine andere Verbindung. Man fühlt sich dazu hingezogen, was man kennt. Man kommuniziert auch ganz anders in seiner Muttersprache. Einer meiner Erasmus-Freunde meinte neulich, dass er es so schade findet, dass hier in Frankreich niemand erleben kann, wie lustig er eigentlich ist, weil sein Humor auf Französisch einfach nicht gleich gut rüberkommt. Oder um ehrlich zu sein, weil wir alle nicht das Vokabular beherrschen, um lustig zu sein. Aber es ist nicht nur der Humor. Ich denke, ich habe in jeder Sprache eine andere Persönlichkeit. Das ist ganz spannend, kann aber auch frustrierend sein. Und dadurch, dass ich hier nie in meiner Muttersprache spreche, habe ich das Gefühl, es kennen mich hier alle anders als ich eigentlich bin.  Also jetzt nicht so mega anders, dass das einen Riesenunterschied machen würde. Ich bin immer noch ich. Aber schon anders würde ich sagen. Diese kleine Nuance, die den Unterschied macht. Das fehlt mir hier ein bisschen. Falls das irgendwie Sinn ergibt. (Viel tragischer ist eigentlich, dass ich auf Französisch mindestens 20 IQ-Punkte dümmer bin, weil ich mein Wissen nicht in Worte fassen kann. Dazu kommt, dass mein Gehirn so sehr mit Übersetzen beschäftigt ist, dass keine Kapazität zum Denken übrigbleibt. Deswegen glauben auch immer alle im Krankenhaus, dass Erasmusstudierende dumm sind. Stimmt nicht, wir sprechen einfach nicht fehlerlos Französisch. DAS macht einen Riesenunterschied, finde ich). Jedenfalls hatte ich dann in der dritten Praktikumswoche endlich meine ersten Prüfungen. Ich war echt froh, dass es bald vorbei sein würde. 

Am Tag vor der Prüfung hatte eine meiner besten Freundinnen hier in Lyon Geburtstag. Natürlich mussten wir feiern. Sie entschied sich für ein gemütliches Abendessen in Anbetracht der drohenden Prüfungen am Folgetag. Wir trafen uns zu dritt in einem süssen Restaurant in der Innenstadt und genossen unser Abendessen. Dann, am Tag darauf, die ersten beiden Prüfungen geschafft. Und am folgenden Wochenende würde das Praktikum ebenfalls vorbei sein. Dann noch drei Prüfungen und drei Wochen Praktikum. Die Zeit verging wie im Flug! Am Abend nach den Prüfungen besuchten wir das Theater einer unserer Erasmus-Freundinnen. Könnt ihr euch noch daran erinnern, dass ich vor langer Zeit für zwei Abende in einem Theaterkurs war? Ganz am Anfang dieses Abenteuers. Als ich noch dachte, ich bin ein verstecktes Schauspieltalent. Ja? Genau diese Theatergruppe hatte an diesem Abend ihre Vorstellung. Ich war so froh, dass ich da ausgestiegen bin. Am Tag nach der Prüfung die Aufführung. Ich glaube mein Stresslevel wäre über Bord gegangen. Schon entspannter einfach ins Publikum zu sitzen und zuzuschauen. Es war sehr cool zu sehen, was am Ende rausgekommen ist. Ich war beeindruckt. Auch wenn ich nur die Hälfte verstanden habe. Okay, ich geb's zu, ich habe gar nichts verstanden. Am Ende waren jedenfalls alle tot - oder so. Danach gingen wir noch in eine Bar, um den Geburtstag meiner Erasmus-Freundin und eines weiteren Erasmus-Freunds gebührend nachzufeiern. Mit einem Bier zum Anstosssen. Wir waren eine grosse Gruppe und ich habe viele davon schon lange nicht mehr gesehen. War ganz schön, sich mal wieder auszutauschen. 

Am Pfingstsonntag kam mein Vater zu Besuch. Eine willkommene Abwechslung neben der eintönigen Lernphase. Nach meiner Enttäuschung neulich beim Kaffee im Krankenhaus, hatte ich nun endlich ein bisschen zuhause bei mir. Mehr zuhause ging fast nicht mehr. Wir verbrachten das Wochenende mit gemütlichen Spaziergängen, leckerem Essen und guten Gesprächen. Am Montag hat sich mein Vater wieder auf den Heimweg gemacht und ich bündelte all meine neu gewonnene Motivation, kratzte sie aus allen Ecken und Ritzen meiner selbst, um noch die letzten paar Tage Lernen durchzuziehen. Bald geschafft! Natürlich hatte meine zweite beste Freundin in Lyon auch genau am Tag vor den Examen Geburtstag… Aber natürlich wurde auch ihr Geburtstag gefeiert. Dieses Mal mit ein paar Drinks und Nachos in einem fancy Restaurant. Die beste Art meinen Kopf zu lüften vor den Prüfungen…

Alles Liebe

-Kayley

 

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