Eintrag 33: Woche 40-41 (Lyon - Basel - Lyon x 2)

Liebe Alle

Wort der Woche: pompette – beschwippst - “Lieber beschwippst als ausser Betrieb.”

Ich habe Ferien! Zwei Wochen frei, bevor mein letztes Praktikum losgeht! Ich habe mich spontan entschieden, für das Wochenende in die Schweiz zu fahren. Am Samstagabend war Bierfestival in Liestal, das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Nein, Spass beiseite, ich bin nicht wegen dem Bier in die Schweiz gefahren. Dafür ist die Schweiz nicht Bierhochburg genug. Und Bier ist mir dann doch nicht sooo wichtig. War aber ein netter Bonus. Zusätzlich gab es mir die Gelegenheit, meine Liebsten wiederzusehen. Nur um das noch einmal deutlich zu sagen. In meiner Prioritätenliste steht das Bier nicht an erster Stelle. Genauer werde ich nicht darauf eingehen.

Am Montagmorgen bin ich mit einer Freundin wieder zurück nach Lyon gefahren, damit ich ihr diesen wunderschönen Ort zeigen konnte. Wir sind zwei Tage lang durch die ganze Stadt gelaufen und haben praktisch jeden Winkel gesehen. Als wir uns am Dienstagnachmittag für ein Matcha-Café entschieden, das gefühlt am höchsten Punkt von Lyon zu finden war, waren wir plötzlich in einem Quartier, das ich bis dahin auch noch nie gesehen hatte. (Ich weiss - unglaublich). Wir sind zehn Minuten bergauf gelaufen und am Ende an einem wunderschönen Ort rausgekommen. Wundervolle Aussicht, süsse Läden, kleine Strassen. Es war fast wie eine Stadt in einer Stadt. Ein komplett neuer Ort. Ich war fasziniert. In diesen Tagen habe ich wieder neue Seiten dieser Stadt entdeckt, wir haben sehr gut gegessen und uns noch besser unterhalten. Ihr habt mittlerweile vielleicht bemerkt, dass es bei mir sehr oft um Essen geht. Ich bin auch der Überzeugung, dass gutes Essen das Leben schöner macht. Essen verbindet, Essen macht glücklich und es ist etwas, was wir alle tun müssen. Warum also nicht zusammen? Abgesehen vom gemeinsamen Essen ist es auch so immer sehr schön, Freunde da zu haben. Wieder ein Stückchen zuhause. Und meine Endorphine, ihr habt es erraten, sie stiegen immer weiter. Am Mittwoch hat sich meine Freundin verabschiedet. Am Donnerstag traf ich mich mit einer Freundin von hier und wir setzten uns ans Rhône-Ufer in die Sonne. Einer meiner Lieblingsorte hier in Lyon. Am Abend packte ich zum dritten Mal innerhalb einer Woche meine Tasche. Dieses Wochenende begleiteten mich meine Mitbewohnerinnen in die Schweiz! Ich freute mich, ihnen die Schweiz zu zeigen. Abfahrt war um 10:00. Damit wir alle Zeit zum Duschen hatten, bin ich als erste aufgestanden und stand um 08:00 unter der Dusche. Dementsprechend sass ich um 09:30 mit gepackter Tasche zu meinen Füssen auf dem Sofa, bereit zum Abfahren und wartete auf die anderen beiden, die sich noch fleissig fertig machten. “War ja klar, dass die Schweizerin schon eine halbe Stunde zu früh fertig ist”, meinte meine Mitbewohnerin im Vorbeilaufen. Wo sie recht hat, hat sie recht. Zu meinem Erstaunen sind wir Punkt 10:00 losgefahren. Nach sechs Stunden Fahrt (keine Ahnung was wir so lange gemacht haben) trafen wir am Samstagnachmittag in Seltisberg ein. Wir übernachteten alle bei meinen Eltern. Zwei Tage Grossfamilie. Schön.

Am Samstagabend gingen wir zusammen mit meiner Schwester in die Stadt. Wir machten eine erste kleine Stadttour und entschieden uns, in der “Walliser Kanne” essen zu gehen. Da wo alle Touristen Essengehen. Fondue. Ein Klassiker. Als wir reservierten, hatten wir natürlich nicht daran gedacht, die Preise zu checken. Hätte ich lieber tun sollen. Da, wo alle Touristen Essengehen, erinnerte ich mich, da ist es auch teuer. Eine Flasche Wasser kostete zwölf Franken. Eine Portion Erdbeeren zum Dessert: siebzehn Franken. Das Schokoladenmousse: dreiundzwanzig. Ich habe mich fast nicht wieder eingekriegt. Dreiundzwanzig Franken für ein Schokoladenmousse… Das konnte man nicht rechtfertigen. Die Atmosphäre war sehr interessant, der Wirt noch mehr. Der Kellner versuchte uns mit seinem Französisch zu beeindrucken, das eigentlich eher Spanisch mit einem französischen Akzent war. Er hat es wenigstens versucht. Das war auch etwas wert. Meine Schwester übersetzte sein Spanisch und ich übersetzte sein Deutsch und so schafften wir es, unsere Wahl zu treffen. Wir bestellten uns zwei Salate, zwei Fondue und einen Wein. Das Fondue war zum Glück sehr lecker. Immerhin. War auf jeden Fall eine Erfahrung. Nach dem Essen spazierten wir zum Bahnhof und machten uns auf den Heimweg. Am nächsten Tag gab es Brunch bei uns zuhause und am Nachmittag machte mein Vater höchstpersönlich eine private Stadtführung durch Basel. Zusammen mit meiner Schwester und meiner Mama. Danach verabschiedeten sie sich und wir drei besuchten das Kunstmuseum, wo eine meiner besten Freundinnen dazustiess. In der “Museumsstadt” musst man mindestens ein Museum von innen gesehen haben, dachten wir. Zum Zvieri gab es Brezel vom “Brezelkönig”. Bevor wir nach Hause fuhren, machten wir noch einen Zwischenstopp in der Migros. Warum? Um Schokolade zu kaufen! In Frankreich kann man keine “Ragusa” kaufen (eine Marktlücke, wenn ihr mich fragt) und da meine Mitbewohnerinnen brennende Fans von “Ragusa” sind (dank meiner Mama sind sie jetzt auch stolze Besitzerinnen von “Ragusa-Socken”, “…das Badetuch war leider ausverkauft, sonst hätte ich natürlich das gekauft” - Meine Mama macht immer die besten Geschenke), musste die Chance genutzt werden, um die Vorräte aufzustocken. (Natürlich hatte ich sie zuvor immer fleissig mit “Ragusa” versorgt, ich bin kein Unmensch. Besser gesagt meine Familie und mein Freund hatten sie (und mich) mit “Ragusa” versorgt). Was bei der Gelegenheit auch noch eingepackt wurde? “Mate”. “Mate” und “Ragusa” – das Salz der Neuzeit. Wir Schweizer haben Glück. Nachdem wir beim Anstehen als Touristen entlarvt worden waren (weil unser oranges Körbchen sehr verdächtig einseitig befüllt war) und die Migros leergekauft hatten, ging es nach Hause zum Abendessen mit meiner Familie. Es war schon verwirrend mal am anderen Ende zu sein. In der Schweiz. Ich war nun diejenige, die in ihrer Muttersprache sprechen konnte und den anderen übersetzten “musste”. Verwirrend aber irgendwie auch cool. Wir haben eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Französisch gesprochen. Chaos. Aber wir haben uns verstanden. Wir haben viel gelacht und meine ganze Familie hat neue französische Worte gelernt. Mein Lieblingswort auf Französisch? “Pompette” (“beschwippst”). Schön, oder? Und wenn man’s übertreibt, ist man schnell mal “HS” – “hors service” (“ausser Betrieb”). Dann ist es nicht mehr so schön. Glaubt mir, ich weiss, wovon ich rede. Am Montag gönnten wir uns einen Brunch und dann ging es für meine Mitbewohnerinnen auch schon wieder nach Hause. Ich blieb noch zwei Tage länger in der Schweiz bevor ich dann am Mittwoch morgen wieder im Zug Richtung Lyon sass.

Am Donnerstag kam meine Mama zu Besuch! Ein Wochenende voller gutem Essen (ich kann’s nicht lassen), Kultur, Shopping und ganz viel Liebe. Alles, was das Herz begehrt. Am ersten Abend assen wir in dem Restaurant, in dem wir bereits im Mai vor einem Jahr zusammen gegessen hatten. An unserem zweiten Abend in Lyon. Damals war ich mit meiner Mama übers Wochenende hier, um die Stadt einmal abzuchecken und zu schauen, ob es sich hier für zehn Monate leben lassen könnte. Wie ihr sehen könnt, hat es mir damals gefallen. Wieder im selben Restaurant zu sitzen, war ein kleiner “Full-Circle-Moment” für uns. Eine schöne Erinnerung. Am nächsten Tag machten wir eine Stadttour, bei der wir noch mehr von den “Traboules” entdeckten. Danach besuchten wir das “Musée de Confluence” (das Naturhistorische Museum, direkt wo sich die beiden Flüsse vereinen). Ein tolles Museum. Sieht ein bisschen aus wie ein Raumschiff. Am Samstag besuchten wir das Seidenmuseum, das “Maison des Canuts” (“Canuts” nannte man die Seidenarbeiter in Lyon). Im Museum wurde uns demonstriert, wie man einen Webstuhl bedient. Das war faszinierend. Wusstet ihr, dass es zwei Monate dauerte, um so einen Webstuhl zu programmieren?! Zwei Monate! Für drei Zentimeter Stoff brauchten sie eine Stunde und je nach Muster bis zu einem Arbeitstag für sieben Zentimeter! Das bedeutet zweieinhalb Monate Arbeit für einen Meter Stoff. Unfassbar. Dementsprechend teuer war dann auch das Endergebnis. Ein Meter Stoff, je nach Vorlieben der Käufer mit Gold und Silberfaden durchwoben, kostete bis zu zehntausend Euro. Ausserdem mussten sie die Häuser neu bauen, damit die vier Meter hohen Webstühle überhaupt in die Ateliers passten - so entstand ein ganz neues Quartier. Heute sieht man immer noch die hohen Räume mit den Fensterfronten, die mittlerweile zu fancy Restaurants oder Läden umfunktioniert worden sind. Oder es sind auf halber Höhe neue Böden eingebaut worden, um den Raum optimal zu nutzen. Falls ihr das nächste Mal in einem Restaurant mit einem wunderschönen, offenen Raum mit hoher Decke zu Abend esst, wisst ihr, warum das so ist. Die “Canuts” gehörten auch zu den Ersten, die einen Arbeiterstreik veranstalteten, um sich bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Und es gibt verschiedene Larven, die verschiedenfarbige Seide fabrizieren. Aus ihrer Spucke. Ich könnte noch Stunden weitererzählen, ich fand es unglaublich beeindruckend. Mein Augendurchmesser hat sich an diesem Vormittag verdoppelt, so gross waren meine Augen vor Staunen. Als wir uns dann endlich aus unserer Seidenfaszination befreien konnten, setzten wir uns zum Mittagessen auf eine Terrasse mit wunderschöner Aussicht auf Lyon. Den restlichen Tag verbrachten wir mit Shoppen. Immer wieder eine Freude. Wir entdeckten die süssesten Läden in Lyon. Zur Krönung assen wir in einem veganen Restaurant zu Abend und spazierten gemütlich nach Hause. Am Sonntagmorgen begleitete ich meine Mama zum Bahnhof und wir verabschiedeten uns wieder. Das war ein wundervolles Wochenende. Meine Endorphin-Speicher sind wieder voll.

Alles Liebe

-Kayley

Zurück
Zurück

Eintrag 34: Woche 42 (Neue Erkenntnisse und eine Schaufensterpuppe)

Weiter
Weiter

Eintrag 32: Woche 36-39 (Heimat)