Eintrag 31: Woche 35 (Amsterdam)
Liebe Alle
Wort der Woche: le roi - der König - “Der König hat Geburtstag!”
Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal geflogen bin. Ich liebe fliegen. Ich liebe es aus dem Fenster zu schauen, unter mir die Wolken, um mich herum eine unglaubliche Weite. Es hat etwas Friedliches aus einem Flugzeugfenster zu schauen… Und dann dreht man sich auf die andere Seite, und man ist wieder in der Realität. Es dröhnt und rattert in einer Lautstärke. Menschen, die schon um acht Uhr früh ihr drittes Bier in der Hand haben. Menschen in Bananenkostümen auf dem Weg zum Jungesellenabschied. Menschen, die sich schon in den ersten fünf Minuten beschweren, weil die Sitznachbarn unverschämterweise ihr weinendes, dreijähriges Kind dabei haben. Das dabeigehabte Kind am Weinen, weil es neben dem unfreundlichsten Menschen sitzen muss. Und wieder die altbekannte Frage, was zuerst da war. Der Genervte oder das Weinende. Überall Gespräche, Geschrei, Geschnarche. Aber auch das hat was, finde ich. Ich mag es Menschen zu beobachten. Ein Flugzeug ist wie ein kleines Paralleluniversum. Trotzdem habe ich einen Fensterplatz gebucht, um mehr von den friedvollen Wolken statt der umfangreichen Geräuschkulisse zu haben. Voller Vorfreude lief ich zu meinem Platz und… Da sass eine alte Frau. Ich blinzelte. Die Frau sass immer noch da. Neben ihrem alten Ehemann. Shit. Sie schaute schon jetzt aus dem Fenster. Ich checkte dreimal meine Nummer auf der Boardkarte. Ja, sie sass auf meinem Platz. Entweder wusste sie nicht, wie die Sitze nummeriert waren oder sie hat sich absichtlich den Fensterplatz gekrallt. Ich ging ihr zuliebe von Ersterem aus. Mein harmoniebedürftiges Ich traute sich natürlich nicht etwas zu sagen und ich entschied mich den Gangplatz einzunehmen. Bye bye schöne Aussicht. Hallo schnarchende Menschen. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit. Beim Start trauerte ich dem Alpenblick hinterher, den meine Platzdiebin nun genoss. Wenigstens schaute sie aus dem Fenster. Mein Opfer war nicht umsonst. Ich wischte meine nichtexistierenden Tränen weg und schloss die Augen. Dann konnte ich mir wenigstens so eine schöne Aussicht verschaffen...
Ich habe euch noch nicht verraten, warum ich auf dem Weg nach Amsterdam war. Zwei Tage Amsterdam - unser Geschenk an unseren kleinen Bruder. Zum Achtzehnten. Warum Amsterdam? Der Achtzehnte. Ich weiss, was ihr jetzt denkt: Wir sind die Besten. Ja, ihr habt recht. Auch wenn er mittlerweile grösser und breiter ist als wir alle zusammen. Stimmt nicht ganz, mein grosser Bruder ist immer noch der Längste. Ich korrigiere mich: Auch wenn er mittlerweile grösser ist als 4/6 unserer Familie und breiter als wir alle zusammen, ist er immer noch der kleine Bruder. Ein Vorteil, wenn man ältere Geschwister hat? Man bekommt Kurztrips zum Geburtstag. Stimmt wieder nicht ganz. Ich korrigiere mich ein weiteres Mal. Es gilt nur für die, die AUSSCHLIESSLICH ältere Geschwister haben (und die älteren Geschwister einen genug grossen Abstand zu einem haben). Das hätte ich wissen müssen, als ich mich als drittes Kind auf den Weg gemacht habe. Denn jetzt kommt’s: Was passiert, wenn du FAST NUR ältere Geschwister hast aber eben auch noch EIN jüngeres? Genau. Du schenkst den Jüngeren Kurztrips und die Älteren haben das Gefühl, du verdienst gleich viel Geld wie sie, also gehen sie davon aus, du kannst das mitfinanzieren. Nur arbeite ich 0% von zuhause aus und mein Bruder arbeitet 100% in einer Versicherung. Könnt euch ausrechnen, wer mehr verdient. Daher mein Tipp: überlegt euch gut an wievielter Stelle ihr auf die Welt kommen wollt. Ich weiss, das ist eine Herausforderung, aber wenn ihr etwas wirklich wollt, könnt ihr es schaffen. Ich glaube an euch, ihr zukünftigen Kinder. Ein Glück ist meine Schwester so grosszügig und versicherte meinem Bruder, dass wir alles bezahlen würden, was er an dem Wochenende konsumierte. Mein Herz blutete jedes Mal ein bisschen, wenn sie ihm wieder sagte: “Lass stecken, wir bezahlen ALLES!” “Alles?”, fragte mein Bruder verwirrt. “Alles?”, druckste ich panisch in meinen Gedanken hervor. “Alles!”, versicherte sie ihm. “GULP”, ich schluckte. Alles. Keine Panik. Dann ist mir wieder eingefallen, dass ein Grossteil meines Vermögens von meinen Eltern stammt. Das bedeutet, ich bekomme Geld von meinen Eltern und mein Bruder bekommt Geld von mir und meinen Eltern. Also eigentlich bezahlten meine Eltern meinen Teil der Rechnung. Also konnte ich mich wieder entspannen. Und natürlich habe ich freiwillig eingewilligt, bei diesem Geschenk mitzumachen. Ich bin eine erwachsene Frau mit einem freien Willen. Wäre ja auch schade gewesen, wären sie ohne mich gegangen. Dennoch bin ich eben doch noch mehr kleine Schwester als grosse Schwester. Auch wenn ich mich gern schon zu den Grossen zähle…
Jedenfalls, auch wenn mein Geldbeutel bluten musste (keine Sorge, ich habe es gern gemacht), freute ich mich riesig, mit meinen Geschwistern das Wochenende zu verbringen. Wir haben noch nie so viel Zeit nur zu viert verbracht. Ich freute mich auf einen Trip voller Chaos, Freude, und Zeit mit meinen drei Lieblingsmenschen. Ich bin vor den Dreien angekommen und erkundete schon einmal die Stadt. Amsterdam ist eine wunderschöne Stadt. Ich hatte das Gefühl, in einer Märchenwelt zu sein. Die Häuser waren traumhaft, etwas schief. Die Grachten machten alles romantischer. Ich schlenderte durch die Strassen, trank einen Kaffee auf der Terrasse und las dazu mein neues Buch. Die Sonne schien. Am Nachmittag ging ich zum Apartment, um es in Empfang zu nehmen. Der Vermieter war sehr freundlich. Er zeigte mir die Wohnung und meinte, dass wir uns das beste Wochenende ausgesucht hatten. “Ja Hahaha”, erwiederte ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht, keine Ahnung was er meinte. “Du weisst schon, was für ein Wochenende ist?”, fragte er. “Nein?”, meinte ich, zu meinem Lächeln gesellten sich fragende Augen. Er klärte mich auf, dass der König an diesem Wochenende Geburtstag hatte. Ahh natürlich, wie konnte ich das vergessen? “King’s Day. Der Tag des Königs. Die Stadt ist voller Leute, überall gibt es Essen, Musik und die Grachten sind voller Boote, die wiederum voller Menschen sind, die ebenfalls voll sind. Ihr könnt euch auf etwas freuen!”, erläuterte er (Vielleicht nicht eins zu eins, ich habe mich womöglich in der Wortwahl etwas kreativ ausgelebt). “King’s Day…”, dachte ich. Top. Jetzt freute ich mich noch mehr. Und jetzt machte es auch Sinn, dass alles so teuer war und wir so Schwierigkeiten hatten, ein Apartment zu finden. Die ganze Stadt war in knalliges Orange getaucht, das war anscheinend auch nicht immer so. Meine Geschwister sind dann auch endlich angekommen und wir machten uns auf in die Stadt. Am ersten Abend assen wir im “Hard Rock Cafe”. Ein Klassiker. Als wir am Ende des Tages alle im Bett lagen, suchten wir nach einem Brunch-Spot für den nächsten Tag. Ihr müsst euch das so vorstellen, wir hatten zwei Doppelbetten. Meine Schwester und ich teilten uns ein Doppelbett. Meine beiden Brüder teilten sich das andere. Dazwischen war eine Trennwand. Wir unterhielten uns also über die Trennwand hinweg, ohne dass wir uns sehen konnten. Wir sendeten uns Vorschläge hin und her und besprachen, wo wir hinwollten, mein kleiner Bruder hat sich dezent im Hintergrund gehalten. Als wir drei Älteren rege diskutierten, sagte mein grosser Bruder plötzlich: “Das WLAN ist weg. Hat er jetzt ernsthaft das WLAN ausgeschaltet?” (Mit “er” war unser Vermieter gemeint). “Unfassbar.” Nachdem wir uns fünf Minuten über den Verlust des WLAN aufgeregt hatten, suchten wir mit meinem grosszügig bereitgestellten Hotspot weiter. Als wir die Suche beendet und uns für ein Restaurant entschieden hatten, fragte ich in die Runde, ob ich meinen Hotspot ausschalten konnte. “Nein, ich brauche ihn noch”, meldete sich mein kleiner Bruder nach dreissig Minuten Funkstille zu Wort. “Wofür?”, fragte ich. “Bestimmt für Youtube”, raunte meine Schwester. “Für YouTube”, erwiderte er trocken. “Hast du jetzt die ganze Zeit meine Daten für Youtube gezogen?” “Ja klar, ich dachte du hast unlimitiert.” Meine Schwester schaute mich mit diesem “Ich hab’s dir ja gesagt”-Blick an. “Neeeein habe ich nicht”, gab ich zurück. Zum Glück habe ich nachgefragt… Ich schaltete meinen Hotspot aus und wir löschten das Licht. Am nächsten Morgen machte ich mich mit meinem Bruder auf die Suche nach dem WLAN-Gerät um zu schauen was das Problem war. Das Problem war schnell gefunden. Jemand hat das WLAN-Gerät ausgesteckt und sein Handyladekabel eingesteckt. Die besagte Steckdose war verdächtigerweise direkt neben der Bettseite meines kleinen Bruders… “Jemand hat das WLAN-Gerät ausgesteckt”, meinte mein grosser Bruder. “Ah ja das war ich, ich habe mein Handy eingesteckt”, erwiderte mein kleiner Bruder gelassen. Wir schauten in alle an. “Das WLAN ist also direkt ausgestiegen, nachdem du ein Kabel ausgesteckt und dein Handy eingesteckt hast und du dachtest nicht daran, dass das einen Zusammenhang haben könnte?”, fragte mein grosser Bruder. “OHHHHhhh…” Ja, das war die richtige Antwort. “OHHHHhhh…” Aber kein Problem, er hatte dann ja zum Glück meinen Hotspot, um seine Videos weiterzuschauen… Alles halb so wild.
Am zweiten Tag mischten wir uns unter das Volk der Amsterdamer und feierten mit ihnen ihren König. Es war unglaublich. Alle waren glücklich, alle hatten frei, alle Restaurants und Läden waren geschlossen. Dafür waren überall auf den Strassen kleine Essensstände, kleine Flohmarkte, DJs und Musiker. Als ich nach unserem obligatorischen Sightseeing am Nachmittag meinen Flug einchecken wollte, habe ich realisiert, dass mein Flug umgebucht worden war. Von Sonntagabend 21:00 auf Sonntagmorgen 7:00. Scheisse. Natürlich habe ich es erst gemerkt, nachdem ich eingecheckt hatte. Scheisse. Mein innerer Monolog, der darauffolgte, bestand zu ungefähr 90% aus “Scheisse” und zu 10% aus “Was mache ich jetzt?”. Mein Bruder war die Ruhe selbst und hielt mit mir in den nächsten dreissig Minuten ein Notfall-Meeting ab, was ich jetzt am besten tun sollte. Ich wollte nicht schon am Morgen nach Hause fliegen. Ich wollte den Sonntag noch mit meinen Geschwistern in Amsterdam verbringen. Wir entschieden, dass ich einen neuen Flug buchen und mit meinen Geschwistern nach Hause in die Schweiz fliegen würde. Leider hatte ich die Daten vertauscht und als ich das realisierte und die Daten korrigierte, ist damit auch der Preis um mehr als das Dreifache gestiegen. Scheisse. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit den Nerven am Ende, mein Bruder (mein emotionaler Support) am überlegen, ob es sich lohne, so viel Geld auszugeben. Da schaltete sich meine Schwester ein, die während unseres Meetings mit einem Ohr mithörte. “Keine Frage, du buchst den Flug um. Wir zahlen das sonst, wenn es dir zu teuer ist”, sagte sie entschieden und schaute dabei meinen grossen Bruder erwartungsvoll an. Ich schaute ebenfalls zu meinem Bruder und sah in diesem Moment, dass er die gleiche Reaktion auf die Grosszügigkeit meiner Schwester hatte wie ich. In seinen Augen konnte ich sehen, wie er innerlich panisch druckste: “WIR bezahlen den Flug?”. Ich konnte das “GULP” förmlich hören. Diese Entschlossenheit habe ich gebraucht (ich meine die meiner Schwester), um zu entscheiden. “Du hast recht – wir buchen den Flug. Aber ich bezahle.”, sagte ich und buchte den Flug. (Am Ende haben meine Eltern den Flug übernommen, danke an dieser Stelle). Mein kleiner Bruder war übrigens auch da, falls ihr euch gefragt habt. Er sass daneben und schaute Youtube-Videos. Wir hatten ja jetzt wieder WLAN. Gelungene Arbeitsteilung würde ich das nennen. Nach dem ganzen Drama um den Flug gingen wir im gefühlt einzigen Restaurant essen, das offen war. Ein indisches Restaurant. Das Essen war sehr lecker. Aber auch leicht scharf. Sehr, sehr scharf, wenn man meine Schwester fragen würde. So scharf, dass sie nach zwei Bissen aufgab und wir ihr Essen auch noch genüsslich verspeisten. Natürlich hatte sie deswegen immer noch Hunger nach dem Hauptgang und bestellte sich einen Lavacake. Das Dessert wurde auf einem heissen Stein serviert. Die Kellnerin leerte geschmolzene Schokolade über den mit Vanilleeis getoppten Kuchen. Die Schokolade zischte über den heissen Stein und wurde karamellisiert. Es roch traumhaft. Nach der Show fragte mein kleiner Bruder fasziniert: “Hat den jemand bestellt oder gibt’s den umsonst?”
Wir genossen das Dessert und liefen noch ein bisschen durch die Strassen, setzten uns in eine Bar, tranken ein Bier und machten uns danach auf den Heimweg. Wir liefen an einem Spielplatz vorbei. Auf dem Spielplatz gab es ein Drehkreuz mit drei Minifahrrädern, die aneinander befestigt waren und sich im Kreis drehten, wenn man strampelte. Ich denke, das bietet sich hervorragend an für eine kleine Sozialstudie: Vier Geschwister laufen in der Abenddämmerung an einem Spielplatz vorbei. Auf dem Spielplatz steht ein Drehkreuz mit drei Fahrrädern. Was wird passieren? Richtig, Geschwister zwei bis vier rennen zu den Fahrrädern, strampeln und drehen sich im Kreis. Geschwister eins steht daneben und wundert sich wie er mit Geschwistern zwei bis vier verwandt sein kann, macht aber dennoch Fotos, um das Ereignis festzuhalten. Vielleicht, um sich zu beschäftigen, während die Kinder spielen. Vielleicht, weil er es doch auch ein bisschen lustig findet. Jedenfalls haben wir alle gelacht. Und es zeigte: Am Ende gibt es eben doch nur einen grossen Bruder und wir anderen bleiben für immer die kleinen Geschwister. Sozialstudie beendet.
Am Sonntag machten wir eine Stadttour durch Amsterdam und tranken noch einen Kaffee, bevor wir Richtung Flughafen fuhren. Im Zug sassen wir per Zufall hinter unserem alten Mitbewohner. Die Welt ist klein. Er ist übrigens bewusst an diesem Wochenende nach Amsterdam geflogen. Wir sind vermutlich die Einzigen, die das nicht gecheckt haben. Da ich den Flug nicht mit meinen Geschwistern gebucht hatte, trennten sich unsere Wege nach dem Boarding. Ich sass in der letzten Reihe auf dem vorletzten Platz. Natürlich wieder nicht am Fenster. Aber diesmal hat mir niemand den Platz gestohlen. Wir landeten sicher in Basel und verabschiedeten uns im Bus von Geschwister Nummer eins, der es durch einen mirakulösen Sprint innerhalb von einer Minute auf seinen Zug schaffte. Wir restlichen drei fuhren nach Seltisberg und überraschten meine Eltern mit meiner Präsenz, da ich ja eigentlich in Frankreich sein sollte. Wir fielen uns in die Arme. Die Überraschung ist gelungen. Das Wochenende auch.
Alles Liebe
-Kayley