Eintrag 28: Woche 39 (Comeback)
Liebe Alle
Wort der Woche: enfin - endlich - “Ich bin endlich wieder da!”
Ich konnte es fühlen. Es war wie im Film, wenn die Hauptperson unter Wasser ist und eigentlich schon viel zu lange die Luft anhält und man sich fragt, ob sie nicht schon längst ertrunken sein müsste, denn irgendwie ist sie schon viel zu lange Unterwasser, um noch leben zu können. So lange kann niemand die Luft anhalten. Langsam macht man sich Sorgen. Langsam wird es unangenehm zuzusehen. Man kneift die Augen zu Schlitzen zusammen, weil man irgendwie das Gefühl hat es ist weniger schlimm, wenn man nur noch verschwommen sieht. Man hält selbst die Luft an vor lauter Anspannung. “Haaaaa.” Onomatopoetisch für ein dickes, fettes Einatmen nach viel zu langem Luftanhalten. Könnt ihr es hören? Das nach Luft schnappen? “Haaaaa.” Ich glaube ihr wisst, was ich meine. Genau das konnte ich fühlen. Dieses tiefe Einatmen, nachdem man viel zu lange die Luft angehalten hat. Dieses Gefühl der Erleichterung. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlte zu atmen. Der Körper konnte sich endlich wieder entspannen. Die Seele liess los. “Haaaaa.” Und ich? Ich konnte wieder atmen.
Ich glaube wir alle haben Phasen, in denen wir Stress haben. In denen wir Angst haben. Sorgen. Und mittlerweile habe ich gelernt, dass ich bei Stress aufpassen muss aber auch, wie ich damit umgehen kann. Meistens. Die letzten drei Wochen waren nicht leicht. Ich war im Prüfungsstress. Allein zuhause. Meine Freundinnen waren nicht da. Und ich wusste nicht mehr wo oben und unten ist. Die Gedanken, sie kreisten. Wurden lauter. Das Loch immer grösser. Das Atmen immer schwerer. Und obwohl ich das letzte Jahr so gut gelernt habe zu reden, fällt es mir manchmal immer noch schwer. Wenn die Scham über meine eigenen Gefühle überhand nimmt, dann werde ich still. Und schäme mich noch mehr dafür, dass ich mich schäme, darüber zu reden. Obwohl ich immer sage "es wird besser wenn man darüber redet”. Ein Teufelskreis. Und die Zeit verging. Und während ich mich immer mehr zurückzog und versuchte, mein Leben doch zu geniessen, fiel es mir schwer, mich davon zu überzeugen, dass ich im Moment meine Energie lieber ins Lernen stecken sollte. Weitermachen. Ich versuchte, die guten Tage zu nutzen und die schlechten hinzunehmen und das Beste draus zu machen. Und das Frustrierende war, ich wusste, was ich brauchte. Ich wusste, wie es mir besser gehen würde. Aber wissen allein reicht nicht. Zu wissen und zu tun sind immer noch zwei Paar Schuhe. Versteht ihr was ich meine? Ich fragte mich immer wieder: “Warum fällt es mir so schwer? Warum kann ich nicht einfach glücklich sein?” Und während ich mich das fragte, gab es irgendwo in mir die Gewissheit, dass es vorbeigehen wird. Das ist es bis jetzt immer. Ich musste nur noch etwas länger die Luft anhalten. Nur noch ein kleines Stück. Ich konnte die Sonne schon durch das Wasser glitzern sehen. Einfach schwimmen. Der Wasseroberfläche entgegen. Immer weiter…
Und dann kam der Tag meiner letzten Prüfungen. Ich bin am Morgen aufgestanden. Bin zu meinem Lieblingscafe gelaufen. Habe gefrühstückt. Habe im Panikmodus noch einmal alles so halb angeschaut (obwohl ich weiss, dass es nichts bringt, tue ich es trotzdem immer wieder). Dann habe ich mir etwas zum Mittagessen ausgesucht. Dann habe ich einen Keks zum Mitnehmen eingepackt. Dann habe ich mich an das Rhône-Ufer gesetzt. Meinen Keks gegessen. Die Sonne hat geschienen. Ich habe die Sonnenstrahlen aufgesaugt. Ich habe mich auf den Weg zur Prüfung gemacht. Ich habe mit meiner Schwester telefoniert, um mich abzulenken. Ich habe die Prüfungen geschrieben. Dann bin ich nach Hause gefahren. Habe mit meiner Mitbewohnerin geredet. Auf Französisch. Habe mein Zimmer aufgeräumt. Habe mir etwas zu Essen gemacht. Mich von Youtube berieseln lassen. Und dann: Atmete ich ein. “Haaaaa.” Erinnert ihr euch noch? Ja, genauso. Ich schnappte nach Luft. Endlich - konnte ich wieder atmen. Ich bin wieder aufgetaucht. Ich hatte mein “glücklich” zurück. Ich habe es vermisst.
Es ist immer ein Kampf. Ein Kampf zwischen den Gedanken, die mich runterziehen und den Gedanken, die mich wieder aufbauen. Sie kämpfen sich durch. Versuchen mir immer wieder vor Augen zu führen, was ich habe. Was ich kann. Was meine Zukunft noch für mich bereithält. Ich kann sie sehen. Meine Zukunft. Ich kann sie fühlen. Meine Zukunft. Man sagt immer, man soll im Moment leben. Und dem stimme ich zu. Nur manchmal ist der Moment nicht immer der schönste Ort, an dem man isch aufhalten könnte. Manchmal fällt es schwer, sein hier und jetzt zu geniessen. Wenn man es schafft, sich in diesen Momenten die Zukunft vorzustellen, wie auch immer sie aussehen mag. Wenn sie nur etwas fröhlicher aussieht als das “Jetzt”. Dann kann man vielleicht seine Aufmerksamkeit darauf richten. Man sieht, wohin die Reise geht. Es wird einfacher, durch die Dunkelheit zu gehen. Ein paar Schritte weiter, zurück in die Sonne. Und wenn man dann wieder aus dem Schattenloch raus ist, sieht das “Jetzt” schon wieder etwas freundlicher aus. Und man versucht, möglichst lange zu bleiben. Es ist immer ein Kampf zwischen Schatten und Licht. Zwischen Zukunft und Vergangenheit. Zwischen festhalten und loslassen. Und dazwischen ist das “Jetzt”. Ich denke, ich bin nicht die Einzige, wenn ich sage, dass mein “Jetzt” ist nicht immer ein schöner Ort ist. Und das hat nichts mit den äusseren Umständen zu tun. Meistens jedenfalls. Und manche würden jetzt sagen, man kann selbst bestimmen, wie es in seinem “Jetzt” aussieht. Ich wünschte es wäre so einfach. Ich wünschte, ich könnte am Morgen aufstehen und glücklich sein. Aber manchmal kann man nicht beeinflussen, wie es in einem drinnen aussieht. Und man kann auch nicht immer glücklich sein. Ich habe letztens einen Podcast gehört und darin ging es genau darum: Der Mensch hat (laut Google) sieben Grundemotionen: Freude, Trauer, Angst, Überraschung, Wut, Ekel und Verachtung. Und nur eine davon ist synonym mit “glücklich”. Wie gross ist also die Wahrscheinlichkeit, dass man immer glücklich ist? Praktisch null. Daher: man kann nicht immer glücklich sein. Und das ist auch gut so. Sonst wäre es doch langweilig. Man würde sehr viele schöne Momente verpassen, weil man nicht miteinander mitfühlen könnte, sich nicht in andere Menschen hineinversetzen könnte. Wir könnten keine Beziehungen eingehen. Nicht trauern, nicht erfahren, was es bedeutet, jemanden zu verlieren und dadurch nie schätzen, was wir haben. Wir wären nicht mehr menschlich. Und auch wenn es vielleicht manchmal wehtut, zu fühlen. Und man manchmal lieber nicht alles fühlen würde, ist es glaube ich, am Ende des Tages eine Bereicherung. Lieber fühlt man alles, das Gute und das Schlechte, als gar nichts. Lieber fühle ich Trauer und Einsamkeit, wenn ich im Gegenzug Glück und Geborgenheit bekomme. Wie gesagt - es ist immer ein Kampf zwischen Schatten und Licht. Aber was, wenn wir es nicht als Kampf sehen, sondern als Tanz? Ein Tanz zwischen Schatten und Licht. Das eine kann nicht ohne das andere und gemeinsam erschaffen sie etwas viel schöneres. Leben. Immer in Bewegung. Und wo Bewegung ist, ist Veränderung. Darauf vertraue ich. Dass mein “Jetzt” sich immer verändert. Und auch wenn es manchmal ein echt ungemütlicher Ort ist, ist es doch meistens mein Lieblingsort. Es ist meine Wahrnehmung der Welt. Mein Leben. Mein Zuhause. Und ich versuche, es so schön wie möglich zu gestalten. So gemütlich, wie möglich. Und auch wenn man im Moment leben sollte, glaube ich, dass uns sowohl unsere Vergangenheit wie auch der Gedanke an unsere Zukunft dabei helfen, unser “Jetzt” mitzugestalten. Und genauso, wie jedes weltliche Zuhause, braucht mein “Jetzt”, mein sprichwörtliches Zuhause, immer mal wieder ein paar Wartungsarbeiten. Manchmal ist die Waschmaschine kaputt. Oder der Kühlschrank macht komische Geräusche. Oder der Wasserhahn tropft. Es ist nicht immer alles perfekt. Und manchmal nervt es ganz gewaltig. Und doch bin ich am Ende des Tages froh, kann ich darin wohnen. Denn meistens ist es schön in meinem “Jetzt”. Und dafür bin ich sehr dankbar.
À propos dankbar. Habt ihr mich vermisst? Ich weiss, ich bin ziemlich lange abgetaucht. Aber ich bin wieder zurück. Mein zweites Comeback dieses Jahr. Ich hoffe, ihr habt mich nicht vergessen! Ich habe meine letzten Prüfungen hinter mir. Ihr wisst, was das bedeutet: keine Ausrede mehr. Es ist einiges passiert, also lasst uns keine Zeit verlieren. Okay, ich gebe euch noch ein paar Minuten, um einen Kaffee rauszulassen, ein paar Snacks bereitzustellen und euch aufs Sofa zu setzen. Lehnt euch zurück. Macht es euch gemütlich. Es gibt viel zu erzählen. Wir beginnen am besten da, wo ich aufgehört habe. Ein Monat vor meinen Prüfungen: Wir haben April. Die Sonne scheint…
Alles Liebe
-Kayley