Eintrag 26: Woche 31 (Wer bestellt Salat in einem italienischen Restaurant?)
Liebe Alle
Wort der Woche: sans gluten – glutenfrei - “Ist etwas glutenfrei, hat es definitiv Kuhmilch drin.”
Am Wochenende war ich mit meinem Freund in Besançon. Hat sich so ergeben. Ist nämlich ziemlich genau zwischen Lyon und Basel. Da ich schon um 10:00 in Besançon war, hatte ich noch etwas Zeit totzuschlagen, bevor er ankam. Ich lief vom Bahnhof zur Innenstadt. Plötzlich war ich in einer engen Strasse, überall standen Autos, überall waren Menschen am Einräumen, Ausräumen, Umstellen. Ein Riesenwirrwarr. Gespräche kreuz und queer, Gehupe, Geschrei. Ein komplettes Chaos und ich mittendrin, keine Ahnung wo vorne und hinten war. “Willkommen in Besançon”, dachte ich mir, “auf ein erholsames Wochenende.” Nach hundert Metern war die Strasse endlich zu Ende und ich gelangte auf einen Kirchplatz. Vor mir eine wunderschöne Kirche. Die Sonne prallte vom Himmel, ich hatte Sicht auf den Kanal, ein Blumenhändler stellte gerade seinen Stand auf. Es war völlig ruhig. Ein kompletter Kontrast zu gerade eben. Unglaublich. Ich habe zu früh geurteilt. Daher noch einmal: “Willkommen in Besançon.” Ich setzte mich in ein Kaffee und bestellte mir einen Matcha als kleine Motivation zum Lernen. Wenn man schon etwas Zeit hat, kann man die auch nutzen. Nach dem Mittagessen machte ich mich auf zum Apartment. Es war dreissig Minuten zum Laufen, zehn davon steil bergauf. In der prallen Sonne. Mit meinem Gepäck. Aber eigentlich freute ich mich auf den Spaziergang. Also halb so wild. Ich startete meinen Weg und erinnerte mich, dass der Vermieter etwas geschrieben hat bezüglich der Wege, die zu unserem Apartment führten. Ein Weg war human. Ein Weg etwas weniger. Anscheinend sollten es sehr alte und kaputte Treppen sein, ziemlich steil und ziemlich ungemütlich. Ich schaute mir auf der Karte die beiden Wege an. Tatsächlich. Bei einem Weg stand extra geschrieben “Keine Treppen”. Ich schaute den zweiten Weg an und sah, dass dieser durch eine Ruine führte. Die würde ich gerne anschauen. Aber da sind die Treppen. Aber ich bin noch jung. So schwer wird das schon nicht sein. Mein Entschluss war gefasst. Ich lief los. Die erste Herausforderung war es, die Treppen zu finden. Als ich sie endlich gefunden hatte, war ich überrascht. Sie waren heruntergekommen. Eigentlich hätte ich nicht überrascht sein sollen, ich wusste ja, dass sie heruntergekommen war. Aber ich habe nicht erwartet, dass sie soo heruntergekommen war. Sie sah aber auch schön aus, überwachsen mit Gras und Moos und Pflanzen, überall Risse und Steine und Geröll. Irgendwie romantisch. Ich begann meinen Aufstieg. Die Treppen waren steil. Sehr steil. Als ich endlich oben ankam, führte der Weg direkt durch die Festung hindurch. Das war spannend. Ich fühlte mich wie Christoph Kolumbus. Durch die Ruine gelangte man auf die Brücke. Und von da aus hatte man eine unglaubliche Aussicht auf das Tal. Wow. Dafür hat es sich gelohnt. Die Stadt gefällt mir von oben noch besser. Ich lief die letzten Meter zur Unterkunft. Dort angekommen, suchte ich den Schlüssel. Wo war der Schlüssel? Ich habe doch extra geschrieben, dass ich früher da sein würde. Haben sie es vergessen? Ich las die Anleitung zum “Check-In” noch einmal. Der Schlüssel war IM Apartment. Und das Apartment… offen. Da konnte ich noch lange suchen. Ich öffnete die Tür und trat ein. Ich richtete mich gemütlich ein und nach einer halben Stunde kam mein Freund auch endlich an. Wir setzten uns auf die Terrasse, um etwas zu trinken. Den Blick auf das Tal und die Zitadelle, die Sonne schien, ein Lüftchen wehte. Ein Traum. Zum Abendessen gab es Sushi. Als wir uns auf den Weg machten, sahen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang. Der Himmel war ein Regenbogen. Er schien in allen Farben. Das habe ich noch nie gesehen.
Am nächsten Morgen nahmen wir es gemütlich und gingen zum Mittagessen in die Stadt. Leider waren sogar in Besançon alle Restaurants am Mittag ausgebucht. Die Suche zeigte sich schwerer als erwartet. Das einzige Restaurant, das noch Plätze hatte, war eine Rock’n’Roll Bar. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast am Verhungern, am Verdursten und am Erfrieren, denn im Gegensatz zum Tag davor war es eisig kalt, windig und es regnete. Also entschieden wir uns, es da zu versuchen. Wir setzten uns an unseren Tisch und bestellten das Essen. Und warteten. Und warteten. Und… ihr wisst es schon: warteten. Wir nippten an unseren Getränken in den nicht ganz so sauberen Gläsern. Beobachteten den Mann, der seine ganze Schallplattenkollektion aus dem Auto in die Bar transportierte und dabei natürlich die Tür offen liess, damit wir die kalte Luft auch im Restaurant geniessen konnten. Unsere Stimmung nahm mit jeder Minute umgekehrt proportional zu unserem Hungergefühl ab und unsere Gespräche wurden immer einsilbiger. Wir mussten zusehen, wie alle anderen ihr Essen bekamen. Und dann, wir hatten schon fast aufgegeben, kam es. Unser Essen. Wie der heilige Gral in der “Nibelungensage” – keine Ahnung, ob das dieselbe Geschichte ist, ehrlich gesagt. (Edit: Die Geschichte die ich meinte, ist "Parzival”. In der “Nibelungensage” geht’s um etwas anderes.) Sagen wir, wie der letzte “Infinity-Stein” bei den “Avengers”. Wir konnten es kaum erwarten anzufangen. Wir nahmen die ersten Bissen. Und - waren positiv überrascht. Wow. Das ist echt lecker. Unsere Augen fingen an zu leuchten. Unsere Münder formten sich zu einem Lächeln. Der Tag war gerettet. Das Essen war erstaunlich gut. Sehr gut sogar. Wir konnten es kaum glauben. Ein Gourmet-Essen in einer Rock’n’Roll Bar – das Leben steckt voller Überraschungen. Wir waren nicht ganz sicher, ob es einfach so gut war, weil wir schon halb verhungert waren oder ob es gut war, weil es gut war. Aber mein Freund hat sogar eine Woche später noch darüber geredet (und eigentlich mag er gar keine Süsskartoffeln…), also war es, denke ich, wirklich gut.
Am Sonntag waren wir brunchen und besuchten am Nachmittag die Zitadelle, die man von unserem Apartment aus sehen konnte. Dieser Ort ist eindrücklich. Ein Ort, an dem Wissen vermittelt wird. Über Insekten, Fische, alle möglichen Tiere. Aber vor allem ist es ein Ort der Erinnerung. Ein Vermächtnis der “Résistance” des zweiten Weltkrieges. Der Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus wehrten. Es war sehr eindrücklich. Diese Bilder zu sehen, die Gedanken der Menschen zu hören, die diese grausame Zeit erlebten, die Lebensgeschichten mitzuverfolgen. Man kann es sich nicht vorstellen. Und das Traurige ist, die Menschheit hat kein bisschen dazugelernt. Und wieder einmal wurde ich daran erinnert, wie gut ich es habe. Nachdem wir die Ausstellung durchlaufen hatten, liefen wir über die Mauern der Zitadelle und schauten aufs Tal. Wir diskutierten lange darüber, was wir gesehen hatten. Unfassbar, was die Menschen sich gegenseitig angetan hatten. Und immer noch antun. Und wir schauen zu. Ich will gar nicht werten oder Moralapostel spielen, das kann ich gar nicht. Dennoch hat es mir wieder gezeigt, wie gut wir Menschen verdrängen und vergessen. Was wir vielleicht auch müssen zu einem gewissen Grad. Dennoch ist es manchmal auch wichtig, wieder daran erinnert zu werden. Und nachzudenken. Nachdem wir noch das Insektenmuseum und das Fischmuseum hinter uns brachten, machten wir einen Spaziergang in die Stadt, um etwas zu trinken. Und schon waren die Gedanken wieder verschwunden. Man verlässt diesen Ort, spaziert zehn Minuten in die Stadt und der Fokus verschiebt sich. Man widmet sich wieder seinem eigenen Leben. Seinen eigenen Bedürfnissen. Ein kleiner, eindrücklicher Ausflug in die Vergangenheit. Und im nächsten Moment waren wir wieder zurück in der Gegenwart, sassen im Katzencafé und bestellten uns zwei Gläser Wein. Nach dem wir die zwei Gläser Wein getrunken hatten, machten wir uns auf, um ein Restaurant fürs Abendessen zu finden. Natürlich waren alle Restaurants am Sonntagabend zu. Alle bis auf zwei. Unsere Wahl fiel auf das Zweite. Nach dem Essen ging’s zum Bahnhof. Verabschiedung, Einsteigen, Losfahren. Die Zeit verging wie ein Wimpernschlag. Als ich die Augen öffnete, war ich wieder zurück in Lyon.
Osterwoche in Lyon. Die Tage sahen mittlerweile alle gleich aus. Ich lernte mehr oder weniger den ganzen Tag und hoffte, dass ich einigermassen mit dem Stoff hinterherkam. Dann ging ich ins Gym oder nach Hause und kochte etwas zum Abendessen. An einem Tag ist der Elektriker vorbeigekommen. Mindestens achtzig Jahre alt, weisshaarig und sehr gesprächig. Um ehrlich zu sein habe ich nur die Hälfte von dem verstanden, was er mir erzählte, aber ich habe stets freundlich gelächelt und einige allgemeingültige Antworten eingeworfen und gehofft, dass sie passend waren. Es schien ihn nicht zu stören. Er war noch sehr fit auf den Beinen und hat die Verkleidungen der Steckdosen (die meistens sehr gefährlich in Bodennähe waren) elegant ausgetauscht. Sah jedenfalls so aus. Als ich am nächsten Tag staubsaugte und den Stecker aus der Wand zog, ist die Verkleidung zusammen mit dem Stecker aus der Wand gefallen. Ich konnte sie wieder zurückstecken. Jetzt sieht es wieder aus wie vorher. (Solange man nicht dran kommt). Zum Glück war der Elektriker da. Ich habe eine Serie zu Ende geschaut. Ich habe mit meiner Familie telefoniert. Mit Freundinnen. Langsam habe ich Angst, dass ich zu viel Zeit allein verbringe. Meine beiden engsten Freundinnen hier in Lyon sind momentan nicht da. Das bedeutet ich bin mehr oder weniger auf mich allein gestellt. Diese Woche war ich etwas einsam. So toll “Alleinsein” auch sein mag. Manchmal braucht man auch Menschen um sich herum. Und langsam habe ich das Gefühl, ich habe den Anschluss verloren. Vielleicht sollte ich mich mal wieder bemühen, mit Menschen etwas zu unternehmen. Menschen, die nicht meine Mitbewohnerinnen sind. Als wir miteinander telefonierten war Donnerstagabend. Ich erzählte dir, dass ich Ostern vermutlich allein verbringen werde, da meine Mitbewohnerinnen bei ihren Familien feierten. Ich habe mich darauf eingestellt. Das war so in Ordnung. Gleichzeitig vermisste ich dich. Auch wenn wir uns vor einer Woche gesehen hatten und eine Woche in einer Fernbeziehung ungefähr so viel wie eine Stunde in einer Nicht-Fernbeziehung bedeutet. Oder so. Nicht wirklich, ich versuche es mir nur schönzureden. Wir telefonierten am Donnerstagabend. Am Freitagabend warst du da. Als hättest du gespürt, dass ich mich über etwas Nähe freuen würde. Mein Ritter in der silbernen Rüstung (eher im silbernen Auto) und einem Strauss voller Rosen (einer frischen Ladung Mate) – ein modernes Märchen. Wir verbrachten ein wunderschönes Osterwochenende zusammen. Du bist endlich zum Markt mitgekommen (in strömendem Regen), wir kochten das beste Essen, während draussen die Welt unterging und wir genossen die Zeit zu zweit. Danke.
So schön das auch geklungen hat, es gab auch einige Momente, in denen ich weniger ausgeglichen war. Ich habe euch noch nicht von meinem neuen Experiment erzählt. Ich habe euch erzählt, dass ich versuche gesund zu bleiben. Und dabei ist es mir besonders wichtig, keine Ausschläge mehr zu bekommen, die mich eine Woche lang ausknocken. Und mich dabei aussehen lassen, als hätte ich keine Augen mehr, weil sie so zugeschwollen sind. Da ich der Meinung bin, dass unsere Gesundheit sehr stark mit der Ernährung zusammenhängt, kann ich mir gut vorstellen, dass meine Ernährung mit diesen Ausschlägen zutun hat. Also habe ich es mir zum Ziel gesetzt, zu schauen was passiert, wenn ich vier Wochen auf Kuhmilch und Gluten verzichte. Eigentlich kein Problem. Solange man für sich selbst kocht und nicht ausser Haus isst. Sobald man in Frankreich in ein Restaurant geht, wird es extrem schwer etwas zu finden, dass weder Kuhmilch noch Gluten enthält. Deswegen habe ich in Besançon auch das ganze Wochenende Reis gegessen. Gesegnet sei die Erfindung von Sushi. Und deswegen haben wir am Osterwochenende so viel gekocht – Brunchen im Restaurant war aussichtslos. Ich war noch nie so traurig beim Lesen eines Menus. Als wir also ein Restaurant für das Abendessen suchten, versuchten wir einen Kompromiss zu machen. Und als ich dann ein italienisches Restaurant gefunden habe, war ich noch guter Dinge. Die Pizza sah sehr gut aus, die wollte ich meinem Freund nicht vorenthalten. Für mich gab es Salat. Nach dreissig Minuten Restaurants suchen (die Hälfte hatte geschlossen am Ostersonntag), war das das erste Gericht, das ich finden konnte, das glutenfrei und ohne Kuhmilch war. Vor lauter Begeisterung habe ich einen Tisch reserviert. Was ich nicht einkalkuliert habe, war, dass ich am Abend sehr hungrig sein würde. Und man in einem Restaurant die anderen Speisen sehen und vor allem riechen konnte. Und ich die Auswahl hatte zwischen zwei Salaten. Und ich voller Verzweiflung zwei Salate bestellen würde. Spätestens an dieser Stelle denkt ihr vermutlich – “Warum seid ihr in ein italienisches Restaurant gegangen?” Glaubt mir, wir haben uns dasselbe gefragt. Man lernt nie aus. Ich bestellte also zur Vorspeise Salat und zur Hauptspeise - Salat. Essen macht keinen Spass, wenn die einzige Wahl, die man hat darin besteht, welchen Salat man wann essen will. Und ich weiss, jetzt könnte man sagen, ich war selbst schuld. “Niemand hat dir gesagt, du musst darauf verzichten.” “Lass los.” “Einmal ist keinmal.” Und ja, in Lyon in ein italienisches Restaurant zu gehen, wenn man auf Gluten und Kuhmilch verzichten will, ist, als würde man mit einem Spaghetto gegen ein Schwert antreten. Es macht keinen Sinn (Metaphern sind nicht meine Stärke). Aber ich hatte das Experiment nun mal gestartet und ich wollte es durchziehen. Und ich war schon drei Wochen dran, also wäre es schade aufzuhören. Wird es etwas bringen? Ich weiss es nicht. Aber ich habe es wenigstens versucht. Immerhin war der zweite Salat lecker. Die Pizza auch, wie ich hörte. Nur schon für das Restaurant hat es sich gelohnt zu kommen, es war riesig. Wie ein Restaurant in einem Restaurant in einem Restaurant… Die Matrjoschka der Restaurants. Und eins muss man den Salaten lassen: ich war gesättigt. Übersättigt. Das war echt ein grosses Volumen an grünen Blättern. Wir bezahlten und machten uns auf den Weg. Auf dem Heimweg machten wir noch einen kleinen Zwischenstopp bei “McDonald’s”. Nach dem ganzen Salat brauchte ich noch ein wenig Kohlenhydrate. Wir teilten uns eine Packung Pommes, während wir nach Hause liefen. Ich sag’s euch, die haben noch nie so gut geschmeckt.
Alles Liebe
-Kayley