Eintrag 36: Woche 44 (Kommunikation)

Liebe Alle

Wort der Woche: la communication - die Kommunikation - “Kommunikation ist eine Fähigkeit, die gelernt sein will.”

Tag eins: Noch zwei Wochen in Lyon! What. Bald ist dieser Spass vorbei. Meine letzte Woche Praktikum hatte angefangen und ich hatte noch zwei elf-Stunden-Schichten auf dem Notfall vor mir. Am Dienstag war ein Patient auf dem Notfall, der kein Französisch sprach. Dafür etwas Deutsch – das erste Mal, dass ich einen Patienten hatte, der Deutsch sprach! Nach 44 Wochen war es endlich so weit und ich konnte meine Sprach-Skills auspacken. Hätte nicht gedacht, dass ich das noch erlebe. Leider war sein Deutsch nicht gerade fliessend, und die Kommunikation stellte sich als eher schwierig heraus. Ich versuchte den ganzen Tag die wichtigen Informationen aus ihm herauszubekommen und mir irgendwie einen Reim aus seinen Symptomen zu machen. Dabei realisierte ich, dass wir gerade bei Patienten, die unsere Sprache nicht sprechen ganz genau hinsehen müssen, weil sie uns die wichtigen Informationen meist nicht mitteilen können. Oder wir es nicht mitbekommen. Und wieder einmal wurde mir bewusst, wie wichtig Kommunikation ist. Ich würde fast sagen, Kommunikation ist die wichtigste Fähigkeit einer Ärztin (eines Menschen in einem medizinischen Beruf). Man könnte das auch auf alle Menschen übertragen, da Kommunikation vermutlich die wichtigste Fähigkeit eines jeden Menschen ist. Aber bleiben wir einmal bei der Medizin. Eine gute und vor allem ausreichende Behandlung funktioniert nur, wenn man einander versteht. Und wenn man sich die Zeit nimmt, verstehen zu wollen.

Momentan sind gerade Wahlen in Frankreich und ich verstehe nicht ganz alles davon, muss ich zugeben. Als ich am Dienstagabend nach Hause kam, schaute meine Mitbewohnerin irgendeine Diskussionsrunde zu den anstehenden Wahlen. Ich machte mir etwas zu essen und setzte mich zu ihr. Ich habe gar nichts verstanden. Mein Französisch ist definitiv nicht auf “Politsendung-Abendunterhaltungs-Niveau”. “Ich muss die Wahlen noch “googlen””, dachte ich mir. (Anmerkung aus der Zukunft: ich habe sie nie “gegooglet”). Als wir da so sassen und ich mich bemühte zu verstehen, was die da laberten, dachte ich mir, mein Essen braucht noch mehr Koriander. Halbherzig lokalisierte ich die Tasse, gefüllt mit frischem, geschnittenem Koriander. Ich streckte meine Hand aus sie zu greifen, liess aber mit meinem Blick nicht vom Fernseher ab, weil ich ja nichts verpassen wollte. Ich hatte nicht mit einberechnet, dass die Tasse rutschig sein würde, weil sich durch die Wärme im Raum Kondenswasser gebildet hat. Logische Konsequenz: die Tasse gefüllt mit dem frischen, geschnittenen Koriander rutsche mir aus der Hand und verstreute sich über den ganzen Boden. Mein Blick löste sich nun endlich vom Fernseher ab und fiel auf das Meer aus Korianderblättern zu meinen Füssen. Scheisse. Das ist mir schon einmal passiert. Damals war es Kaffee und nicht Koriander. Immerhin war es dieses Mal Koriander. Ich setzte mich auf den Boden und begann jedes einzelne Blättchen aufzulesen. Meine Mitbewohnerin schaute abwechselnd zwischen mir und dem Fernseher hin und her. Ihre Augen lächelten amüsiert. Ihre Abendunterhaltung hat sich gerade um Einiges verbessert. Ich fühlte mich wie Aschenbrödel am Abend des Balls, bevor sie sich rausschlich, um den Prinzen kennenzulernen. (Als sie die Erbsen für ihre Stiefmutter sortieren musste). Nur leider hatte ich keine Vögel, die mir helfen wollten und es wartete auch kein Ball auf mich, auf den ich mich schleichen konnte. Geschweige denn eine Fee, die mir ein wunderschönes Kleid herzauberte. Stattdessen sass ich in meinem Pyjama auf dem Boden und spielte wieder einmal Staubsauger. Das war der Moment, für den ich die letzten Monate trainiert hatte. So musste ich wenigstens die langweilige Politsendung nicht mehr mitverfolgen. Und das Kleid wäre vermutlich auch nicht so bequem gewesen, wie mein Pyjama, an die Glasschuhe will ich gar nicht erst denken. Meinen Prinzen habe ich auch schon. Und es hätte auch Kaffee sein können.

Dieses Wochenende war meine Schwester zu Besuch. Wir haben nichts geplant, ausser wo wir überall Essen wollten. Wir sind einfach mehr oder weniger drauflosgelaufen und haben die Stadt genossen. Es war unglaublich heiss – so heiss war es glaube ich noch nie. Ich bin fast davongeflossen. Immer wenn ich mit meiner Schwester unterwegs bin, habe ich das Gefühl, nur die Hälfte meiner Gehirnzellen zu besitzen. (Soll keine Kritik sein, nur eine Feststellung). Kann auch damit zusammenhängen, dass wir uns so blind verstehen, dass die meisten Gehirnzellen sich denken, sie werden sowieso nicht gebraucht und sich kurzerhand selbst in den Urlaub entsenden. Ich stelle sie mir dann vor, wie sie mit ihrem Cocktail im Pool treiben oder sich auf einem Liegestuhl mit einem Buch in der Hand sonnen. Meine Gehirnzellen haben es schön. Solange sie wieder zurückkommen, können sie sich ruhig eine Pause gönnen. Also noch einmal anders ausgedrückt: Ich glaube, immer wenn ich meine Schwester sehe, benutze ich nur 50% meiner Gehirnzellen. Liegt auch daran, dass sie als grosse Schwester für einen Grossteil meines jungen Lebens das Denken für mich übernommen hat. Da ist es schwierig, in ihrer Gegenwart nicht in alte Muster zu verfallen. Abgesehen davon, dass mein Gehirn eine Pause bekommen hat und mein Herz ganz viel Liebe spürte, genoss ich auch noch etwas anderes, wenn Besuch von zuhause bei mir war (neben dem gemeinsam-Zeit-verbringen natürlich - und das gilt jetzt für alle Besuche): dass ich Deutsch sprechen konnte. Und das niemand drumherum verstehen konnte, was man besprach. Meistens jedenfalls… Meine Schwester und ich hatten es uns zur Aufgabe gemacht, Poster zu finden. Um sie dann gegebenenfalls zuhause aufzuhängen. Wir waren erfolgreich. Wir hatten am Ende genug Poster, um ein ganzes Haus zu tapezieren. Was hat das mit Deutsch sprechen zu tun? Ich sag’s euch. Als wir nämlich im gefühlt zehnten Poster-Laden waren, war zufälligerweise ein Schweizer Pärchen mit uns im Laden. Meine Schwester und ich tauschten verstohlene Blicke aus. Den “Hihi-die-sind-auch-Schweizer”-Blick. Ihr wisst genau welchen Blick ich meine. Ich drehte den Rücken zu meiner Schwester, um die letzten Poster auch noch durchzuschauen, als ich eine Frauenstimme etwas auf Schweizerdeutsch sagen hörte. Mein Gehirn ist darauf konditioniert, dass, wenn jemand Schweizerdeutsch redet in Lyon, diese Person höchstwahrscheinlich mit mir redet, weil ich schliesslich die einzige Person bin in Lyon, die Schweizerdeutsch versteht. “HÄÄÄÄ?!!”, gab ich zurück und drehte mich um. Zwei fragende Augenpaare waren auf mich gerichtet. Die Frau, die mit mir redete (also eigentlich nicht mit mir, die arme Frau hat mit ihrem Begleiter gesprochen), war nicht meine Schwester. “Oh Sorry.”, sagte ich schnell, widmete mich wieder meinen Postern und tat so, als wäre das nicht gerade passiert. Peinlich. Die übriggebliebenen 50% meiner Hirnzellen können sich eben nicht um alles kümmern. WO war meine Schwester? Als ich sie am anderen Ende des Ladens wiederfand, hatte ich mich von meinem “HÄÄÄÄ?!” erholt. Wir entschieden uns beide für unsere Poster und machten uns auf den Weg zum nächsten Café. Was denn sonst? Den hatte ich nötig. Meine überarbeiteten Gehirnzellen auch.

Am Sonntagmorgen verliess mich meine Schwester wieder. Sie hat mich damals nach Lyon begleitet und meine ersten Tage mit mir hier verbracht. Irgendwie schön, dass sie jetzt am Ende auch noch einmal da war. Der Kreis schloss sich langsam. Ich entspannte den Rest des Tages zuhause, bevor ich mich mit zwei Freundinnen traf, um ein Gläschen zu trinken. Wir hatten uns schon lange nicht mehr gesehen und uns einiges zu erzählen. Die beiden sind aus Deutschland, also redeten wir wild drauf los, auf Deutsch natürlich. Thema: die neusten Gesundheitstrends. Wir regten uns gerade über eine “Medfluencerin” auf (eine “Influencerin” im medizinischen Bereich) und den Stuss, den sie verbreitet. Eigentlich regten wir uns über all den Stuss auf, den man heutzutage in den sozialen Medien als gesunden Lifestyle verkauft bekommt. In diesem Kontext kam ich natürlich auf eine weitere Influencerin zu sprechen, welche ganz lustige Ideen hat, wie sie ihr Leben optimieren kann und diese Ideen auch sehr bereitwillig an alle verkauft, die Geld dafür ausgeben wollen. Ich redete gerade lautstark über die Tatsache, dass sie sich Sonnenlicht auf ihr Perineum* scheinen lässt (fragt mich nicht warum). Ich dachte, es kann uns ja sowieso niemand verstehen und habe dementsprechend auch nicht auf meine Wortwahl geachtet. "Perineum” habe ich jedenfalls nicht gesagt. Da nahm eine meiner Freundinnen ihr Telefon in die Hand und schrieb eine Nachricht in unseren Gruppenchat: “Die neben uns sind Deutsche. Sie können uns verstehen.” Ohhhhh. Wir redeten fröhlich über Sonnenlicht und Gesässöffnungen und die neben uns waren die ganze Zeit totenstill und haben vermutlich unsere Konversation von A bis Z mitverfolgt. Ohne eine Miene zu verziehen. Auch gut, jetzt sind sie über die neusten Medizintrends aufgeklärt. Man könnte fast meinen, wir drei sind auch “Medfluencerinnen”. Eines hat mich dieses Wochenende auf jeden Fall gelehrt: Manchmal gibt es eben doch Leute, die einen verstehen. Auch wenn man Deutsch spricht in Frankreich. Wir verabschiedeten uns und machten uns getrennt auf den Heimweg. So langsam wird mir immer mehr bewusst, dass wir uns alle bald auf den Weg machen. Jede in eine andere Richtung. Nach Hause. 

Alles Liebe

-Kayley

*(Stelle zwischen After und äusseren Geschlechtsteilen)

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