Eintrag 35: Woche 43 (Sommer)

Liebe Alle

Wort der Woche: l’été, m. - der Sommer - “Wenn der Sommer beginnt, geht meine Zeit hier zu Ende.”

In zwei Wochen geht es für mich nach Hause. Ich sitze am Tisch in meiner Wohnung. Heute kommt die erste Studentin, die sich mein Zimmer ansehen will. Langsam wird es real. Langsam heisst es Abschied nehmen. Hättet ihr mich vor einer Woche gefragt, hätte ich euch gesagt, wie traurig ich bin, dass es zu Ende geht. (Ja natürlich freue ich mich auf all meine Liebsten zuhause, selbstverständlich). Aber es ist auch schön hier. Würdet ihr mich heute fragen, kann ich euch sagen, dass ich froh bin nach Hause zu kommen. Natürlich wegen euch allen. Wegen Dir. Aber auch, weil ich die Schweiz vermisse. Ich vermisse mein zuhause. Ich freue mich auf das Studium in meiner Sprache, auf Praktika, bei denen ich nicht nur als Plus eins in den Dienstplan eingeteilt werde. Ich freue mich auf mein Dorf. Spaziergänge im Wald. Ich freue mich euch immer zu sehen, wann ich will, euch in die Arme zu schliessen, mit euch anstossen zu können…

Ich denke mein Hirn konnte noch nicht ganz verstehen, dass diese Reise bald zu Ende sein würde. Wahrscheinlich wollte ich auch nicht, dass es aufhörte. Abschiede sind traurig. Und ich hatte mich gerade so gut an Lyon gewöhnt und bald würde ich mich wieder in der Schweiz zurechtfinden müssen. Ein Teil von mir hatte auch Angst, dass ich diese zehn Monate nicht “richtig” genutzt hatte. Dass ich es nicht in vollen Zügen genossen hatte. Dass ich nicht genug Leute kennenlernte, nicht genug entdeckt hatte, nicht genug… Was weiss ich. Ich glaube, diese Sorgen kennt jeder. Die Angst etwas verpasst zu haben. Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert. Aber um ehrlich zu sein, ich habe viel erlebt. Ich habe neue Freunde gefunden. Ich habe viele meiner Grenzen neu gesteckt. Man könnte fast sagen, ich habe meinen Horizont erweitert. Ich habe gelernt, nicht alles zu ernst zu nehmen. Dass es aber manchmal auch okay ist etwas ernst zu nehmen (und sich darüber aufzuregen). Danach aber weiterzumachen. Ich habe meine Angst vor Laufbändern überwunden. 10 km/h Leute. Ohne den Notstecker zu ziehen. Ich bin stolz auf mich. Ich habe ein, zwei neue süsse Orte entdeckt. Und hatte immer noch etwas Zeit vor mir, die Stadt zu geniessen. Das Wetter war unglaublich. Die Hitze hatte Lyon mittlerweile erreicht. Das Thema hatten wir auch schon mal: Es wurde heiss in dieser Stadt. Dafür schien die Sonne. Und ich hatte ein paar freie Tage, um einfach zu machen, was ich wollte. Ich liebte das. Ich suchte mir neue Cafés, die ich noch ausprobieren wollte, setze mich in die Sonne und schrieb ein paar Worte. Ich spazierte durch die Stadt und versuchte noch jeden Winkel anzusehen, die Atmosphäre einzufangen und sie in meiner Erinnerung zu speichern. Es ist Sommer geworden. Und mit dem Sommer nahte der Abschied. Die Sonne brannte auf der Haut, die Stadt war lebendig, die Menschen hatten ein Lachen auf dem Gesicht. Kinder spielten auf den Plätzen, die Eltern standen daneben und tauschten gelassen ihre Neuigkeiten aus. Nach dem Feierabend gönnte sich jeder noch eine Erfrischung in der Bar um die Ecke. Gespräche, Aperol, Gelächter, ein Gläschen Wein. So muss der Sommer sein. Auch wenn ich zugeben muss, die Hitze ist nicht unbedingt mein liebstes Klima, freute ich mich über die ausgelassene Stimmung, die die Menschen annehmen, wenn das Wetter schön ist. Also konzentrierte ich mich darauf und war bereit meine letzten beiden Wochen Sommer in Lyon zu geniessen.

Im Praktikum am Dienstag durfte ich eine Patientin nähen! Zwar nur ein Stich, aber immerhin. Ich habe bis jetzt so wenig genäht, dass ich immer begeistert bin, wenn ich es tun darf. Den restlichen Tag sah ich vor allem Wunden und schmerzende Knöchel, Rücken, Handgelenke. Was man so erwarten würde auf einer Notfallstation. Kleiner Exkurs: Können wir ganz kurz mal festhalten, dass ich mittlerweile schon das Q und das A verwechsle beim Schreiben? Bei der französischen Tastatur sind die beiden Buchstaben vertauscht und ich habe anscheinend so viel im Krankenhaus geschrieben, dass ich mich daran gewöhnt habe. What? Ich bin fast ein bisschen stolz darauf. Bringt jetzt auch nichts mehr, aber freuen tut’s mich trotzdem. Am Mittwochnachmittag musste ich einen Ausflug zur IKEA machen, da ich unser Seifenschälchen kaputt gemacht habe. Typisch. Ich bin also durch die gesamte IKEA gelaufen, um dieses eine kleine Schälchen zu kaufen. Wahnsinn. Danach wollte ich unbedingt noch ein Quartier in Lyon erkunden, das ich bisher nur aus der Tram gesehen hatte. Es hat mir auf den ersten Blick so gefallen, dass es mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Deshalb entschloss ich mich kurzerhand diese eine Station mit der Metro zu fahren, da ich sowieso gerade in der Nähe war. Habe ich schon erwähnt, dass es wieder unverschämt heiss war in Lyon? Fünf Minuten vor der Tür und ich war schon zur wandelnden Pfütze mutiert. Trotzdem dachte ich, ich bin vermutlich nie mehr so nahe an diesem Stadtteil, es wäre schade nicht vorbeizuschauen. Ich stellte mir vor, wie ich aus der U-Bahn-Station heraustreten würde, bisschen durch die süssen Strassen spazierte, mir ein Café aussuchen und mir eine Erfrischung gönnen würde. War eine schöne Vorstellung. Ich stieg aus der Metro, lief die Stufen zum Ausgang nach oben und - wurde auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Vor dem Ausgang war eine Riesenbaustelle und als ich die Station verliess, befand ich mich schon mittendrin. Keine Ahnung, wie ich da wieder rauskam. Ich versuchte, möglichst am Rand der Baustelle durchzulaufen, um möglichst unversehrt da rauszukommen, als ich bemerkte, dass überall Absperrgitter standen. Nur war ich in der Baustelle. Normalerweise halten die Gitter einen davon ab in die Baustelle zu laufen, nicht davon, wieder rauszukommen. Ich konzentrierte mich so sehr darauf, einen Ausweg zu finden, dass ich mich nicht mehr allzu sehr auf den Weg achtete und “Pffffzzzz”. Es schnatzte. Ich schaute an meinen Beinen herunter und sah, dass mein Fuss in irgendeinem weissen Zement oder so stand. Oh. Zum Glück hatte ich heute meine schwarzen Ballerinas angezogen. Als ich den Fuss anhob, war ein wunderschöner Fussabdruck zu sehen. Super, das war nicht geplant. Ich schaute mich um und hoffte niemand hat meinen Fehltritt bemerkt. Da sah ich ein Loch in den Gitterwänden. Meine Chance. Ich lief schnell auf die Öffnung zu und schlich mich an den Bauarbeitern vorbei, die gerade in ein Gespräch vertieft waren. “Wenn ich sie nicht ansehe, dann sehen sie mich auch nicht”, dachte ich. Guter Plan. Ich hoffte nur, sie sehen meinen weissen Schuh nicht. Hinter mir hatte sich noch jemand anderes auf die Baustelle verirrt. Wenigstens war ich also nicht die Einzige, die falsch abgebogen war. Wir schlichen uns beide durch das Loch und verliessen die Baustelle. Da ich soweit mein Auge reichte nur Baustelle sah, entschied ich meinen Ausflug abzubrechen und wieder nach Hause zu fahren. War ein voller Erfolg. Ich machte kurz an einem Mülleimer halt, um mich festzuhalten und putzte den Zement von meinen Schuhen, bevor er eintrocknete. In meiner Erinnerung hat dieser Ort irgendwie schöner ausgesehen. Und weniger baustellig. Schon unglaublich, wie sehr man sich einen Ort zusammenfantasieren kann, der in der Realität nicht mal ansatzweise so aussieht. Wenigstens weiss ich jetzt, dass ich da nicht mehr hinmuss. Somit ist dieser Stadtteil abgehakt.

Am Abend war ich mit einer Freundin in einem süssen Bistrot ganz bei mir in der Nähe zum Essen verabredet. Da gab’s die beste Quiche in Frankreich. Ich sag’s euch. Am Freitag war ich in einem süssen Café, trank gemütlich meinen “Dirty Chai” und ass genüsslich ein Stück Kuchen. Ich sass an meinem Laptop und “arbeitete”, als eine Gruppe von elf amerikanischen Touristen eintrat. Angeführt von einer Tourguide, ausgestattet mit Mikrofon, roter Weste und Klemmbrett. Sie setzten sich an die zwei Tische in der Mitte vom Raum und die Tourguide fing an in ihr Mikrofon zu reden, damit das ganze Café mithören konnte. Toll. Um ehrlich zu sein, interessierte es mich, was sie zu sagen hatte, also schaute ich “konzentriert” auf meinen Bildschirm und hörte ihr zu. Vielleicht würde ich etwas Neues lernen. Sie sprach über die berühmten “Pralines” und die “Brioche aux Pralines”, die man hier überall kaufen kann. Die alles entscheidende Frage, warum die “Pralines” pink sind, wurde auch geklärt: Reine Marketingstrategie. Hat funktioniert. Die pinken Süssigkeiten sind mittlerweile berühmt. Natürlich durfte jeder ein “Brioche aux Pralines” probieren. Nach zwanzig Minuten waren alle glücklich und satt und sie zogen weiter. Ich machte mich ebenfalls auf den Weg, um noch etwas fürs Abendessen einzukaufen und lief nach Hause. Ich freute mich auf ein gemütliches Wochenende mit Dir. Unglaublich. Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir uns sagten, dass zehn Monate Fernbeziehung schon eine lange Zeit sind, um sich aufeinander einzulassen. Zehn Monate. Zwei Länder. Vier Stunden Entfernung. Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen. Zehn Monate. Und jetzt sind es noch zwei Wochen. Vierzehn Tage. Ich zähle jeden einzelnen. Und freue mich immer mehr darauf, nach Hause zu kommen. Vierzehn Tage. Dann kann ich ins Auto steigen, fünf Minuten fahren und dir auf die Nerven gehen. Jeden Tag. Ich kann es kaum erwarten. Aber was sage ich immer: Eins nach dem anderen. Beginnen wir also mit Tag eins von vierzehn…

Alles Liebe

-Kayley

Zurück
Zurück

Eintrag 36: Woche 44 (Kommunikation)

Weiter
Weiter

Eintrag 34: Woche 42 (Neue Erkenntnisse und eine Schaufensterpuppe)