Eintrag 23: Woche 26 (Leute, der Apfelgarten!)

Liebe Alle

Wort der Woche: la sécurité - Geborgenheit - “Geborgenheit ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich mit euch zusammen bin.”

Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber jedes Mal, wenn wir uns nach ein paar Wochen wieder sehen, fühlt es sich an, als müsste mein Körper sich wieder darauf einstellen, dass da jemand ist, der mir nahesteht. Der mich kennt. Mit dem ich mein Innerstes teile. So als ob ich nach einer langen Zeit wieder am Strand bin. Ich laufe barfuss auf das Meer zu. Die Wellen kriechen meinen nackten Füssen entgegen und ich springe zurück, um nicht nass zu werden. Dann entschliesse ich mich stehen zu bleiben. Die Wellen umspülen meine Knöchel. Ich spüre das angenehme Kühl des Wassers. Ich wage mich Schritt für Schritt weiter in das Unbekannte. Irgendwann kann ich den Boden durch das dunkle Wasser nicht mehr erkennen. Ich kann ihn nur fühlen. Ich muss auf mein Gefühl vertrauen. Ich habe ein gutes Gefühl. Gleichzeitig habe ich Angst vor der Tiefe, den Fluten, die mich mitreissen könnten. Mein gutes Gefühl, mein Vertrauen, gibt mir den Mut, weiter zu gehen. Immer mehr hinein. Mit jedem Schritt wird mein Körper mehr von den Wellen umspielt. Mit jedem Schritt fange ich an mich mehr und mehr hinzugeben, bis ich irgendwann nicht mehr stehen kann. Ich werde leichter, schwerelos. Die Angst nimmt ab. Das Vertrauen wird grösser. Anstelle der Unsicherheit spüre ich nur noch eine tiefe Verbundenheit. Eine Zuneigung. Die Umarmung der Wellen ist warm und befreiend zugleich und ich erinnere mich wieder. Mein Körper erinnert sich. Es ist, als wäre ich nie weg gewesen… Als wir auf die Uhr schauten, war es schon spät. Ich habe einen Tisch in einer Bar reserviert, um mit ein paar Freunden in meinen Geburtstag hineinzufeiern. Ganz entspannt. Wir hatten so viel Zeit vertrödelt, dass es jetzt weniger entspannt war, aber dennoch freute ich mich auf den Abend. Ich freute mich, dich endlich meinen Freunden hier vorstellen zu können und natürlich auch umgekehrt. Der Abend war sehr schön – ich bin jetzt ein Vierteljahrhundert alt. Gefällt mir, diese Vorstellung.

Samstag – mein Geburtstag. Es ging dir nicht besonders gut, daher hoffte ich, dass wir trotzdem einen schönen Tag verbringen konnten. Du hast dein Bestes gegeben, um auf die Beine zu kommen und wir machten uns sogar rechtzeitig (nach französischer Zeit) auf den Weg, um brunchen zu gehen. Vielleicht hilft ein bisschen Essen. Essen hilft eigentlich immer. Wir beschlossen, uns einen entspannten Tag zu machen. Das bedeutete ab ins Museum. Das Wetter war auch nicht gerade traumhaft, daher passte das ganz gut. Das Museum war sehr nice und ich habe es genossen, durch die verschiedenen Ausstellungen zu schlendern und Zeit mit dir zu verbringen. Wir machten uns nach ein paar Stunden gemütlich auf den Heimweg und bestellten uns Pizza zum Abendessen und liessen den Tag gemütlich auf der Couch beim Serien schauen ausklingen. Wenn ich mir vorstelle, dass ab jetzt alle meine Geburtstage genauso verlaufen und sie damit enden, dass ich neben dir auf der Couch sitze, eine Pizza auf dem Schoss, dann fühlt sich das wunderbar an. Ich hoffe, dass ich noch ganz viele Geburtstage haben werde, damit ich möglichst viele mit dir verbringen kann. Am Sonntag machten wir uns gemeinsam auf den Weg in die Schweiz. Es war Sonntag vor der Fasnacht. “Chienbäse”. Wir hatten die romantische Vorstellung, zusammen ein “Füürwägeli” zu trinken und auch wenn ich es nicht zugeben wollte, freute ich mich insgeheim darauf. Vorher durfte ich aber noch einmal meinen Geburtstag feiern. Dieses Mal bei mir zuhause mit meiner Familie. Meine Mama hat alle Register gezogen und einen wunderschönen Geburtstagstisch für mich dekoriert. Danke Mama. Ich habe mich sehr gefreut alle wieder zu sehen und mit ihnen zu feiern, dass ich schon wieder eine Runde mehr um die Sonne gedreht habe. Am Abend war es Zeit für den Umzug. Nach dem Umzug gingen wir mit Freunden ins “Städtli”, um noch etwas zu feiern. Ein “Füürwägeli” gab es zwar nicht, aber ich habe es trotzdem genossen. Ich glaube, es ging mir auch nicht ums “Füürwägeli”. Es ging mir darum, mit dir da zu sein. Es fühlte sich an, als wäre das Universum noch ein Stückchen weiter in die richtige Position gerückt. Wir gingen nach Hause und assen noch den Rest unserer Pizza, bevor wir erschöpft, aber glücklich ins Bett sanken.

Am Dienstag fuhr ich wieder zurück nach Lyon. Mittwoch und Donnerstag hatte ich frei. Am Freitag war ich den ganzen Tag in der Sprechstunde beim Chefarzt der Neurologie. Er war ganz nett und ich mochte es, wie er mit den Patienten umging. Er war freundlich und geduldig. Er war einfühlsam. Ich musste ein EKG bei einem Patienten machen und war hilflos überfordert, weil es nicht so funktionierte, wie ich dachte. Ich bin hin und her gerannt wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Hoffnung jemanden zu finden, die mir helfen konnte. Ich wusste nicht wo vorne und hinten ist. Ich war nur gestresst. Als ich es nach zwanzig Minuten endlich hingekriegt habe, bin ich zurück in die Sprechstunde und eine neue Patientin kam herein. Und wieder durfte ich das EKG schreiben. Da die Patientinnen kein Etikett bekamen, weil sie nur zur Besprechung kamen, musste ich die Namen im System eingeben. Und da ich nur den Nachnamen eingeben konnte musste ich jede einzelne Patientin, die jemals in diesem Krankenhaus eingecheckt hatte und den gleichen Nachnamen hatte, durchtippen, bis ich bei meiner Patientin ankam. Das bedeutete, wenn meine Patientin zum Beispiel Mathilda Müller hiesse, müsste ich jede Frau Müller, die jemals in dem Krankenhaus stationiert war, durchtippen, angefangen bei Anna Müller, weil bei A fängt das ABC an, bis zu M wie Mathilda Müller. Natürlich hatte meine Patientin einen Namen, der in Frankreich in etwa so häufig war wie Müller, also konnte ich etwa 200 Namen durchscrollen, bis ich bei ihrem Namen angelangt war. Und nein, es gab keinen anderen Weg. Und ja, ich habe es versucht. Und natürlich hatte ich mich einmal vertippt und konnte wieder von vorne beginnen. Unter den wachsamen Augen meiner Patientin und denen ihres Ehemanns. Ein tolles Erlebnis. Ein Hoch auf das Studentinnensein. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich diese Aufgaben delegieren kann. Zum Glück habe ich es schlussendlich hingekriegt und konnte sie ins Wochenende entlassen. Ich hatte meins auch bitter nötig, zum Glück war es nicht mehr allzu fern. Am Freitagabend kamen meine Freundinnen aus der Schweiz zu Besuch. Ich kaufte noch kurz ein bisschen Baguette und Käse ein. Natürlich auch ein bisschen Wein. Ein französischer Empfang, so nenne ich das. Um 22:00 traf ich sie dann endlich in ihrem Apartment. Schon unglaublich, dass sie tatsächlich da waren. Ich freute mich riesig auf das Wochenende.

Am Samstag war als erstes Brunch angesagt. Als ich am Morgen aufwachte, lag mir noch etwas der Wein im Nacken. Ich habe drei Flaschen für fünf Personen gekauft, nur irgendwie haben zwei nur ein halbes Glas getrunken, woraufhin die anderen drei den Rest getrunken hatten. Und ja ich gehörte zu den anderen drei. Natürlich. Ich war bereit für den Brunch. Vor allem für den Kaffee. Ich war bereit für den Kaffee. Nach dem Brunch ging es auf zur berühmten City Tour. Einmal durch das Hipster Viertel, dann auf zur Basilika den Ausblick geniessen und wieder zurück durch die Altstadt. Danach versuchten wir mal etwas Neues und machten uns auf zum Flohmarkt. Es erwies sich als nicht gerade leicht, den zu finden aber wir haben es dann doch geschafft. Meine Freundinnen aus Lyon waren auch da. Ich wollte eigentlich meine Freundinnen aus der Schweiz meinen Freundinnen aus Lyon vorstellen. Das habe ich dann auch getan. Sie waren freundlich, sie haben miteinander geredet aber irgendwie habe ich es mir anders vorgestellt. Ich dachte, wir würden alle zusammen an einen Tisch hocken und uns kennenlernen und gemeinsam Spass haben. In der Realität haben wir uns ziemlich schnell wieder getrennt und meine Freundinnen aus Lyon gingen den Flohmarkt erkunden und meine Freundinnen aus der Schweiz wollten etwas trinken. Ich habe mir die Zusammenkunft etwas anders vorgestellt aber so wie es ausging, war es auch in Ordnung. Sie haben sich kennengelernt, das war schliesslich das, was ich wollte. Ich denke, nur weil sie alle meine Freundinnen sind, heisst es nicht, dass sie innerhalb von fünf Minuten auch alle Freundinnen werden müssen. Nur weil ich sie alle gut kenne, bedeutet das nicht, dass sie sich auch gut kennen wollen. Das ist mir dann auch klar geworden. Damit kann ich leben. Wir stellten uns an die Bar, bestellten uns erst einmal Drinks und setzten uns in die Sonne. Oder besser gesagt in die Wolken, die die Sonne verdeckten. Dennoch genoss ich es sehr mit vier meiner ältesten Freundinnen an einem Tisch zu sitzen und über alles mögliche zu reden. Ich liebe das, wenn man jemanden so lange schon kennt, dass man einfach sein kann. Es ist (meistens) nicht anstrengend. Es ist einfach gemütlich. Man fühlt sich geborgen. Ein kleines bisschen wie nach Hause kommen. So schön es da unter den Wolken auch war, wir hatten seit unserem Brunch und einem Zwischensnack von Zimtschnecken nichts mehr gegessen und hatten nach unserem Ausflug zum Flohmarkt (bei dem wir eigentlich mehr Apéro genossen als flohmarkten) langsam richtig Hunger. Und da Hunger meistens nichts zur guten Stimmung beiträgt, suchten wir so schnell wie möglich etwas zu essen. Haben wir zum Glück gefunden und verschlangen alles bis auf den letzten Bissen sobald wir aus dem Laden draussen waren (wir hatten echt Hunger). Und machten dabei noch eine neue Freundin. Eine graue Hundedame, die hoffte einen Teil vom Essen abzubekommen. Hat sie nicht. Aber sie war dennoch niedlich.

Am Abend machten wir es uns im Apartment gemütlich und besprachen unser Vorhaben vom nächsten Tag. Brunch im Apartment. Dachte ich. Als wir aber am nächsten Morgen im Apartment ankamen, gab es keinen Brunch. Ich war verwirrt. Es würde eine Überraschung geben. Als verspätetes Geburtstagsgeschenk. OKAY. Ich liebe Überraschungen. Ich beschloss, gar nicht erst zu versuchen zu erraten was passieren würde und einfach mitzugehen und abzuwarten. Sie werden sich schon etwas Tolles überlegt haben. Wir gingen zum Auto. Meine Freundin wollte den Wagen aufschliessen. Sie lief um das Auto herum. Blieb stehen. “Was ist los?” Fragte eine meiner Freundinnen. “Das Fenster ist offen. Und das Auto war nicht abgeschlossen.” Ganz komisch. “Fehlt etwas?” Wir suchten das Auto ab. Nichts fehlte. Das Handschuhfach war durchwühlt worden. Aber alles war noch da. “Komisch.” Wir fuhren los und parkten zehn Minuten später auf einem Parkplatz in einem anderen Stadtteil. Ich habe immer noch nicht verstanden, was passieren würde. Ich war gespannt. Wir liefen etwa fünf Minuten, ich war eigentlich ziemlich sicher wir würden irgendwo essen gehen, als wir vor einer Galerie Halt machten. Was passiert jetzt? Wir traten ein und ich sah ein Schild mit der Aufschrift “Drink and Paint”. Da realisierte ich, was passieren würde. “Ohhhh. So cool!” Ich freute mich sehr. Keine Sorge, nicht einmal wir trinken Wein am Sonntagmorgen. Ich glaube auch nicht, dass man das anbieten würde. Es gab “Brunch and Paint”. Ein Traum. Wir verbrachten drei Stunden mit malen und essen. Ein perfekter Zeitvertreib. Ein perfektes Geschenk. Ich habe es geliebt. Unsere Gemälde durften wir auch behalten. Nach unserem gemütlichen “Brunch and Paint” machten wir uns auf den Weg zum Auto. Dabei machten wir noch einen kleinen Zwischenstopp in einem Laden, um Snacks für die Fahrt zu kaufen. Als wir alle im Laden verteilt waren, und uns unsere Snacks zusammensuchten, hörte ich plötzlich aus irgendeiner Reihe meine Freundin rufen: “Leute – der Apfelgarten!” Ich habe gar nichts verstanden. Wir drehten uns alle zu ihr um und sie lief uns entgegen. “Der oder die unbekannte einbrechende Person hat den Apfelgarten gestohlen!” “Was um Himmels Willen ist ein Apfelgarten?”, fragte ich. “Natürlich, die Apfelringe!”, erwiderte eine meiner anderen Freundinnen. Die Apfelringe (aus Marketingzwecken “Apfelgarten” genannt) waren in der Seite der Beifahrertür und das Einzige, was die einbrechende Person mitgehen liess. Vermutlich aus Frust, weil es nichts anderes zu holen gab. Unglaublich. So viel Aufwand für Apfelringe. “Sie waren nicht einmal gut.”, meinte eine meiner Freundinnen, wir bezahlten unsere Snacks, liefen zurück zum Auto und fuhren los Richtung Schweiz…

Alles Liebe

-Kayley

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