Eintrag 20: Woche 23 (Tage wie im Film)

Liebe Alle

Wort der Woche: le film - der Film - “Es war wie im Film.”

Samstagmorgen, ich lag im Bett und rieb mir die Schläfen. Wie war das nochmal mit “das Leben geniessen”? Ich habe es mir zu Herzen genommen und war am Tag davor feiern. Eigentlich dachte ich, ich hatte es gar nicht so fest übertrieben - mein Kopf war anderer Meinung. Sobald ich mich auf eine Seite drehte, wurde mir übel. Ich brauchte Wasser. Ich hievte mich aus dem Bett und schlurfte zur Küche. Hätte ich doch nur mehr Wasser statt Wein getrunken. Meine Mitbewohnerin stand in der Küche. Während ich ihr von meinem Abend erzählte, trank ich so viel Wasser wie nur möglich. Ich glaube ich konnte gar nicht so viel Wasser aufnehmen, wie ich bräuchte. Ich legte mich noch einmal ins Bett und versuchte meinen Körper zu überzeugen, dass er nicht krank war, sondern nur zu viel Wein abbekommen hatte. Langsam sollte ich wissen, dass ich nicht mehr achtzehn bin. Aber lasst mich von vorne beginnen. 

Als ich am Sonntagabend eine Woche zuvor in Lyon ankam, stellte ich mich darauf ein, dass ich am nächsten Morgen noch einen freien Tag geniessen konnte, da wir zu viele Studentinnen auf der gleichen Station waren und sie jeweils nur jemanden dabeihaben wollten. Also legte ich mich ins Bett und genoss die Vorstellung, am nächsten Morgen gemütlich in die Woche starten zu können. Zu früh gefreut. Meine Co-Studentin schrieb mir um 21:45, dass sie am nächsten Tag doch nicht konnte, ob ich nicht für sie übernehmen könne. Doch nichts mit gemütlich ausschlafen. Schade. Aber egal, dafür übernahm sie für mich am Mittwoch. Auch gut. An meinem freien Mittwoch ging ich ins Fitnesscenter, um mir ein Fitness Abo zu machen. Am 31. Januar. Gerade noch rechtzeitig,  um als Neujahrsvorsatz durchzugehen. Ich war richtig motiviert - mal schauen, wie lange das noch anhält. Mittwochabend war ganz entspannt, ich blieb zuhause und schaute einen Film mit meiner Mitbewohnerin. Am Donnerstag hatte ich wieder Praktikum. Da ich nun seit fast drei Wochen auf der Schwangerschaftsmedizin gearbeitet habe, dachte ich mir, wäre es eigentlich noch spannend einen Tag auf der Geburtsstation zu verbringen. Eigentlich habe ich mir das schon von Anfang an überlegt, habe mich aber nie getraut zu fragen, weil sie am Anfang meinten, man kann nicht zwischen den Stationen hin und her wechseln. Andererseits dachte ich, dass wäre die beste Gelegenheit, wenn ich schon einmal auf der Gynäkologie arbeitete. Ausserdem erinnerte ich mich daran, dass ich mir vorgenommen hatte, nicht immer so viel nachzudenken und mehr zu machen. Ich habe so lange darüber nachgedacht, es wäre schade, es nicht wenigstens zu versuchen. Sonst würde ich mir immer vorwerfen, nicht wenigstens gefragt zu haben. Ich denke manchmal einfach zu viel nach. Ich nahm also all meinen Mut zusammen und fragte am Donnerstagmittag bevor ich nach Hause ging bei den Internes (Assistenzärztinnen) nach, ob ich womöglich einen Tag auf der Geburtsstation arbeiten könne. Sie meinten, sie können das nicht entscheiden, ich solle am besten morgen die Chefin fragen. Ich erklärte ihnen, dass morgen mein letzter Tag sein würde und ich daher heute nachfragen müsste, da es sonst zu spät wäre. Sie schauten mich an und meinten, das hätte mir auch früher in den Sinn kommen können. Da hatten sie Recht. Aber ich konnte ihnen auch nicht sagen, dass ich mich vorher einfach nicht getraut habe zu fragen, ich mir aber gleichzeitig keine Vorwürfe machen wollte, wenn ich gegangen wäre, ohne zu fragen. Top. Sie rieten mir, eine Mail zu schreiben und zu hoffen, dass ich noch rechtzeitig eine Antwort erhalten würde. Ich schrieb also gleich als ich zuhause ankam meine E-Mail. Ich erwartete eigentlich eine Absage zu erhalten, da ich A. zu spät dran war und B. eigentlich auch wusste, dass man nicht einfach die Station wechseln konnte. Ich schrieb aber extra hin, dass ich Erasmus bin. Damit sie A. wusste, dass man mich sowieso nicht brauchte auf der Station und ich dann vielleicht eher noch wechseln konnte und ich B. vielleicht eine Erasmus-Extrawurst bekommen würde. Manchmal hat es schon Vorteile, Erasmus zu sein. Zudem dachte ich, das Schlimmste, was passieren könnte war, dass sie Nein sagen würde und damit konnte ich leben. Vor allem, weil ich sowieso nur noch einen Tag da arbeiten würde. Ich habe also meine E-Mail geschrieben und nicht mehr weiter darüber nachgedacht. Nach meiner Therapiestunde habe ich noch einmal meine Mails gecheckt und tatsächlich habe ich eine Antwort bekommen. Leider waren am Freitag schon drei Studentinnen eingeteilt, daher konnte ich nicht auch noch gehen. Aaaber - ich durfte die Nachtschicht begleiten, wenn ich wollte. Ich dachte mir: “Warum nicht?” Jetzt habe ich schon gefragt und ein Angebot bekommen. Jetzt musste ich auch “Ja” sagen. Ich schrieb also zurück und fragte, um wie viel Uhr ich da sein sollte. Die Antwort kam innerhalb der nächsten Minute: “Um 18:00.” Das war in weniger als zwei Stunden. “Das wird ein langer Tag”, dachte ich mir, aber ich war bereit. Wird schon irgendwie gehen. Ausserdem war ich begeistert von dieser Chefärztin, da sie so schnell zurückgeschrieben und mir eine Lösung angeboten hat und dann auch noch auf alle meine Fragen innerhalb von Minuten geantwortet hat. Wow. Hat sich doch gelohnt zu fragen.

Als ich um 18:00 im Krankenhaus ankam, musste ich erst einmal die Geburtsstation suchen und der verwirrten Assistenzärztin erklären, warum ich auch da war, obwohl schon ein anderer Student bei ihr eingeteilt war. Sie war sehr lieb und hat mich voller Elan mitgenommen und mir alles gezeigt. Ich habe mich bei den Hebammen vorgestellt. Eine Hebamme war auf Anhieb sehr nett und ich durfte sie eine Weile begleiten. Ich habe noch nie eine Geburt miterlebt, also hatte ich keine Ahnung was mich erwarten würde. Wir schlossen die Patientin an den Wehenschreiber an, um die Kontraktionen und den Herzschlag des Babys zu überwachen. Und dann ging es ganz schnell. Ich habe es gar nicht wirklich mitbekommen. Dennoch war es eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe diese Frau an diesem Tag zum ersten Mal gesehen und durfte bei einem ihrer intimsten Momente dabei sein. Und um ehrlich zu sein, dachte ich, ich werde lernen, dass eine echte Geburt eben nicht so ist, wie im Film. Ich dachte immer, in Filmen wird es so unrealistisch dargestellt. Ich bin immer noch der Meinung. Aber die eine Geburt, die ich miterlebt habe, war genau wie im Film. Unfassbar. Nach diesem turbulenten Auftakt hiess es warten. Den Rest der Nacht war ich bei einer anderen Hebamme und sie schien nicht unbedingt erfreut darüber, dass ich da war. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz und wollte nicht aufdringlich sein, aber wenn ich nicht aufdringlich war, verpasste ich alles, weil die Hebamme mir nie Bescheid gab, wenn sie bei der Patientin war. Und schliesslich musste ich dabei sein, wenn ich etwas lernen wollte. Deshalb bin ich wieder mal in den “Schattenmodus” übergegangen und habe die Hebamme auf Schritt und Tritt verfolgt. Kurz vor Ende der Schicht durfte ich noch zusehen, wie die Anästhesisten eine PDA (Periduralanästhesie) legten. Nach dreizehn Stunden im Krankenhaus und dreiundzwanzig Stunden ohne Schlaf. Die Anästhesisten waren sehr cool und haben alles mit einer unglaublichen Ruhe und Präzision gemacht. Sie haben der Patientin ganz genau erklärt, wie sie sitzen musste, damit sie die PDA richtig positionieren konnten. Die Frau hatte Wehen, was diesen Prozess, der sehr viel Genauigkeit erforderte, nicht unbedingt einfacher machte. Es musste vermutlich enorm anstrengend sein, eine Position zu halten, sich möglichst wenig zu bewegen und gleichzeitig Wehen durchzustehen, während jemand eine Nadel in ihren Rücken einführte. Die Anästhesistin, die den Zugang legte, sprach ihr immer wieder Mut zu und der Anästhesist, der dabei war, ermutigte sie und unterstützte sie in ihrer Haltung. Nebenbei erklärte er mir auch noch, was sie genau machten, und ich versuchte in meinem leicht übermüdeten Zustand wenigstens so auszusehen, als würde ich verstehen, was er mir erklärte. Ich strengte all meine Hirnzellen an, um den Fokus zu halten. Zum Glück schaute ich nur zu. Diese Szene war beeindruckend. Von allen Beteiligten. Gleichzeitig habe ich für mich entschieden, dass ich das lieber nicht erleben will. Als ich so dastand und nachdachte, hörte ich die Schreie der Frau aus dem Nebenzimmer, die sich gegen eine PDA entschieden hat. Also eigentlich hat man die Wahl zwischen höllischen Schmerzen über mehrere Stunden oder einem Kabel im Rücken, bei dem man auf das Können von einer Person vertrauen muss. Ich weiss, dass die Anästhesisten genau wissen, was sie tun und ich keine Sekunde gezweifelt habe, dass sie können, was sie tun. Dennoch etwas beängstigend. Um 07:00 war meine Schicht zu Ende und ich freute mich auf mein Bett. Obwohl ich wieder mehr gewartet hatte als sonst was, habe ich dennoch einiges gesehen und gelernt. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ausserdem mag ich Nachtschichten. Sie sind ruhiger und entspannter als die Arbeit am Tag. Und ich mag auch die Stimmung am Morgen, wenn ich auf dem Weg nach Hause bin und alle anderen auf dem Weg zur Arbeit. Ich kann es nicht beschreiben, aber irgendwie mag ich es. Es ist friedlich. Auf dem Heimweg ging ich noch bei einer Bäckerei vorbei und kaufte ein Brot fürs Frühstück. Es war noch warm. Ich kam zu Hause an und meine Mitbewohnerinnen waren gerade dabei sich für den Arbeitstag fertig zu machen. Meine eine Mitbewohnerin streckte den Kopf aus dem Badezimmer und schaute mich an: “War es wie bei Grey’s Anatomy?” Ich wollte eigentlich nein sagen aber um ehrlich zu sein war es tatsächlich wie bei “Grey’s Anatomy”. Nur ohne das Drama. Ich setzte mich mit meiner anderen Mitbewohnerin an den Tisch und wir teilten uns das warme Brot zum Frühstück. Ein guter Abschluss für diesen langen Tag. Und als meine Mitbewohnerinnen sich auf den Weg zur Arbeit machten, gönnte ich mir noch eine Dusche, schloss die Fensterläden und fiel dann erschöpft ins Bett.

Am Freitag schlief ich bis in den Nachmittag hinein und danach machte ich auch nicht mehr viel. Wir hatten zum Abendessen abgemacht. Es war der letzte Abend, von einem meiner besten Freunde hier, also mussten wir seinen Abschied gebührend feiern. Er wollte noch einmal in ein typisch Lyonisches Restaurant gehen. Vor dem Essen gab es noch einen Apero und nach dem Essen wollten wir eigentlich noch in den Club. Ich habe es schliesslich versprochen. Da es aber sein letzter Abend war und er schon am Abend zuvor im Ausgang war (ich habe gelernt, dass man das eigentlich auf Deutsch gar nicht sagt - ihr versteht trotzdem, was damit gemeint ist) haben wir uns entschieden in einer Bar noch etwas zu trinken und dann mit der letzten Metro nach Hause zu fahren. Leider machten alle Bars um 01:00 zu und servierten ab 00:30 keine Drinks mehr, was bedeutete, dass wir überall abgewiesen wurden. Schade. Als wir so durch die Gassen schlenderten und überlegten, was wir machen wollten, meinte eine Freundin: “Oh, da wohne ich.” Ich schaute sie an. “Hast du Wein zu Hause?” “Ja.” “Können wir zu dir kommen?” “Ja.” Fünf Minuten später sassen wir bei ihr am Küchentisch, je ein Glas Wein in der Hand und Snacks vor der Nase und liessen es uns gut gehen. Wir quatschten über dies und das, tranken unseren Wein. Genossen. Unser spanischer Freund meinte, in Spanien gibt es einen Ausdruck dafür: “sobremesa" (wenn man nach dem Essen noch am Tisch bleibt und über Gott und die Welt redet). Das gefällt mir. Wir haben zwar zwischenzeitlich den Tisch gewechselt, aber vom Gefühl her war es das gleiche. Um 2:00 machten wir uns auf den Heimweg.  So muss das Leben sein. Einfach entspannt, mit Menschen, die man mag und mit Wein in der Hand. Perfekt.  

Bis ich am Samstagmorgen aufwachte und mein ganzer Körper nach Wasser lechzte. Was mich wieder zum Anfang bringt. Jetzt wisst ihr, wie ich in dieser Situation gelandet bin. “Sobremesa"… Und ich kann es nicht oft genug wiederholen. Wenn ihr schon Wein trinkt. Dann trinkt auch Wasser dazu. Auch wenn ihr denkt, es war gar nicht so viel Wein. Auch wenn ihr denkt, ihr könnt am nächsten Morgen ausschlafen. Trinkt Wasser. Immer. Ihr seid nicht mehr die Jüngsten. Ihr werdet es bereuen. Ich werde es dennoch verkraften und ich werde mich länger an den schönen Abend erinnern, als an den anstrengenden Morgen. Daher hat es sich doch gelohnt. Ich überwand mich aufzustehen. Ich sollte zum Markt gehen. Danach wird es mir besser gehen. Etwas frische Luft. Etwas Sonne. Freundliche Menschen. Gute Idee. Ich trank noch einen Kaffee zur Stärkung und machte mich auf den Weg - die Sonne im Gesicht. 

Alles Liebe

-Kayley 

 

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